23.02.2020

 

Post-faktisches, Post-demokratisches, Post-Post-, gar "Hyper-Post-Modernes" (Folge 721666?)

 

Manche(r) kann es ja nach der mörderischen Sportschützenattacke auf Kommunalwahlrechtsausländer kaum abwarten, wieder zur Tagesordnung überzugehen. 

 

Ist ja auch vieles im Argen im Lande.
Nach den Sozialdemokraten jetzt auch die Christdemokraten vor der Zerrüttungsprobe.
Groko-Aus vor dem vom Wahlvolk verabschiedeten Ende 2021?
Um Gottes und des Abendlandes Willen!


Mit Norbert Röttgen hat sich ja ein weiterer Mann aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland hier zur Merkel-Nachfolge gemeldet. Männer und "erklärte Außenpolitik-Experten" sollen das Machtvakuum nach der Kanzlerin auf (gefühlte) Ewigkeiten füllen. 

 

Wie ist das aber mit deutscher "Außenpolitik"?
So im Gefolge der US zudem unter Trump?


Einmal mehr wird über einen bevorstehenden Abschluss eines "Friedensabkommens" zwischen den US und Vertretern der afghanischen Taliban in Doha berichtet.
Am 29. Februar soll das Ganze unterzeichnet werden. 

 

Afghanistan war 1955 bankrott. Erst in den 1990ern wurde der Begriff des "gescheiterten Staates" politikwissenschaftlich definiert. Bis dahin war das Land schon zwischen den Mühlen der Machtblöcke. Seit Ende der 1970er mit der sowjetischen Invasion ganz offenkundig.
Immer wieder heben hierzulande ganz viele Auskenner, die wahrscheinlich noch nie im Lande waren auf die Rückständigkeit der Afghanen ab. Nach mehr als 18 Jahren offenkundig gescheiterter Militärpräsenz des Westens in einem gescheiterten Staat ist vielen da ganz klar, an wem oder was das liegt. Die meisten Afghanen aber werden sich nie Besatzern, die sie so betrachten und so behandeln unterordnen.
Würden die meisten Deutschen auch nicht.


Derzeit ist ein steigender Anteil der Flüchtlinge, die über die Balkanroute nach Europa kommen Afghanen. Weil sie befürchten, dass mit dem Zupflastern des Scheiterns des Westens unter "Make America great again" Trump und Pompeo und anderen mit den Doha-Verhandlungen das Land zum Schauplatz von grausamen Machtkämpfen zwischen der multinationalen Killertruppe IS und den national-wahabitischen Taliban wird. Die schwache Regierung wird dabei einmal mehr in die Mangel genommen werden. Mit den verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan daneben, einem immer mehr schwächelnden Iran, dem Syrienkrieg mit der baldigen weiteren "Demission von 'Rebellen" und IS-Schergen dort jedoch ist das alles andere als ein "kluger Umgang" mit eigenem Scheitern.
Des Westens. Der gesamten "Weltordnung" nach dem 2. Weltkrieg. 

 

Und da wird "Außenpolitik" einmal mehr perspektivisch zu "Innenpolitik". Weil die Auswirkungen von solchen Ereignissen von "erklärten Politik-Experten" ganz gleich welcher Ressorts im post-faktischen und post-demokratischen Dauer-Wahlk(r)ampf nicht benannt werden. 

Aus Angst? Oder aus taktischen Gründen?

 

Oder: Weil da etwas gescheitert ist. Einmal mehr. Und weil die Schafe auf der Weide das nicht mitbekommen sollen. Sollen sie aber bald wissen, auf welcher Seite des Zaunes welcher Wolf da im Schafspelz steht? Wen sie also für abgegraste Weiden verantwortlich machen sollen?

 

 

II

Wenn also bald wieder mehr Kriegs- und Klimaflüchtlinge kommen, wer schmiedet da jetzt schon welche Dolchstoßlegenden zur Diskreditierung des politischen Gegners, um die völlige Unbedarftheit deutscher Außenpolitik innenpolitisch auszuschlachten? 

 

Wahrscheinlich werden alleine die "Teile-und-Herrsche-Differenzierungen" zwischen "Kriegs- und Klimaflüchtlingen" die "demokratischen Foren" lähmen. Kriege jedoch als beschleunigte Veränderung schaffen ihre eigenen Tatsachen. Zumal vor dem Hintergrund des Klimawandels.

In Ländern wie Deutschland, in denen Krieg per se ein Tabu ist aufgrund der eigenen immer mehr verdrängten dunklen kriegerischen Vergangenheiten kann dies zwangsläufig einmal mehr einen Sublimationsstau im sich solchermaßen demokratisch wähnenden Gefüge schaffen. 

Das Ergebnis ist offen. Es kann aber auch die Schlagzahl von "verzweifelten Taten von verwirrten Einzeltätern" einmal mehr erhöhen. "DIE" sind ja selbst Schuld. "DIE Fremden". "DIE Anderen". "DIE Ausländer". "DIE Migranten". "Rückständige Menschen auf niedrigeren Zivilisationsstufen". Und so weiter. 

Die im solchermaßen undifferenzierten Teile und Herrsche-Modus Gefangenen bedrohen dann immer mehr die unten stehenden Menschen. Die solchermaßen gegeneinander ausgespielt werden. Die in von langem Abbau gezeichneten Sozialsystemen letztlich genauso wenig zu erwarten haben wie DIE da Kommenden. Die per se dann auch mit anderen "Fremden mit einheimischer Sozialisation" von "verwirrten Einzeltätern" angefeindet werden. Und mehr. Ganz subtil. "Post-Orwellianisch" und "vollendet Post-faktisch". Von "Demokratisch-freiheitlich" wollen wir jetzt gar nicht mehr sprechen. 

 

Keine schöne Perspektiven. 

 

 

 

III

 

Denn: ist es nicht so, dass "Wahlkampf" und "politische Willensbildung" in erster Linie "Vertrauensaufbau" ist? Und gilt das nicht noch mehr in Ländern, in denen man als Fremder lebt und arbeitet?

In dem vielleicht Soldaten aus dem eigenen Land sind?

 

Als ich als Mitarbeiter einer britisch-US-amerikanischen "Nicht-Regierungs-Organisation" in Kabul mit einer britischen Kollegin und einem afghanischen Auszubildenden von dort nach Masar-e-Sharif gereist bin über ein verlängertes Wochenende im Frühjahr 2010, da besuchten wir in Balkh und Umgebung wichtige Stätten aus der Zeit Alexanders des Großen. Ausgrabungen gab es dort schon lange kaum noch. Plötzlich jedoch hatten wir eine Polizei-Eskorte bei uns, die uns aufforderte, mit ihnen nach Masar zurück zu fahren, da wir in Taliban-Gebiet seien. 

In Masar wurden wir auf der Wache ins Kreuzverhör zwischen Polizei und afghanischem Geheimdienst genommen. Wir wurden lauter, als wir merkten, was da geschah. Wir verlangten, dass wir mit jemandem von unseren jeweiligen Botschaften telefonieren konnten. 

 

Irgendwann rief wohl einer der Polizisten einen US-Officer an. Dieser kam mit seinem Dolmetcher und verhandelte mit seiner M16 auf dem Oberschenkel mit dem leitenden Wachmann. Nach rund eineinhalb Stunden sagte er uns zu, dass wir den Polizisten noch rund eine weitere Stunde geben sollten, dann wären wir aber draußen. Diese Stunde brauchten sie natürlich, um den Gesichtsverlust zu vermeiden.

 

Deutsche, die eigentlich in Masar das ISAF-Kommando hatten, waren in den fünf Tagen in der Stadt nicht sichtbar. Ohne "bewaffnete Sozialarbeiter" und deren stetigen Vertrauensaufbau kann man einen "gescheiterten Staat" und seine Menschen nicht gewinnen. Ohne "integrative Konzepte" für einen zivilen Wiederaufbau wird man irgendwann zwangsläufig zum Besatzer. 

Als Deutscher sollte man das eigentlich am besten wissen. 

Umso beschämender ist die Art des würdelosen Separatismus, der Schuld und Verantwortung immer nach unten delegiert. Oder nach unten tritt. Die Würde des Menschen im "Kampf der Kulturen" und im "Krieg gegen den Terror" ist angetastet. "Außenpolitik" wird so zu einem würdelosen Verdrängungskampf. 

Rassismus und Faschismus werden so Tür und Tor geöffnet. 

Die Wahrheit hinter der vorletzten Wahrheit mag ein Tropfen im Ozean sein. Aber was ist ein Ozean anderes als ganz viele Tropfen. 

 

 

 

 

 

22.02.2020

 

"Wie schön, der Herr baut nie auf Sand. Es herrscht wieder Frieden im Land"

                                                                                                                         Konstantin Wecker

 

Die Verfassung: ein bedingungslos zu schützender Tatbestand.

120 Jahre Verschlusssache Nationalsozialistischer Untergrund.

45 Jahre länger als von Stalingrad und Auschwitz bis heute.
2139 darf das Gerichtsarchiv geöffnet werden.

Ein Fliegenmückenvogelschiss. Das alles. 

Werte-Unionisten und andere staatstragende Personen

müssen in ihrer Amtsfolge geschützt werden.
Die Würde des Amtes ist unantastbar.

Die Würde des Menschen ist angetastet.

 

Teure Pensionen. Die Krähe, die der anderen kein Auge aushackt.

Verunsicherte Bürger jubeln den kompetenten Amts- und Würdenträgern zu.

Schlimm, wie unsicher das im Lande geworden ist.

Verfassungsschützer schützen ja auch das Deutsch-Sein.

Gut-Sein. Nicht-Fremd-Sein.

Draußen ist feindlich.

 

"Es reicht nicht, ins Feuer zu spucken

 
Sicher doch. Welcher Staat und welche Verfassung jedoch ist da von wem und vor wem zu schützen? 
Wenn Teufel und Beelzebub Pöstchen- und Pensionenbingo spielen, wer ist dann der Gewinner? 
Sicher nicht der Wähler zwischen Pest und Cholera.
Der Kommunalwahlrechtsausländer erst Recht nicht. 
Anständige gibt's überall. Aber Deutschland hat da diese unrühmliche Tradition mit dem Vorschlaghammer. Die Eleganz des Igels und von Lady Macbeth haben da nicht so viele drauf. 
Deutsche Angst aber schon. Nicht zu knapp.
Gerade in Zeiten wie diesen. 
 
 
"Es wird hell
Draußen ist feindlich
Schließ Dich ein mit mir
Hier sind wir sicher
Ich liebe dich
Vergiss es"                                   Einstürzende Neubauten / Blixa Bargeld
 
"Endlich geschafft. Ein Volk von Phagozyten"            Konstantin Wecker
 

 

 

 

 

II

 

Nun, nach den Morden in Hanau sind Alarmismus und Aktionspläne gegen rechts nach innen so ein Ding. Die Außenwahrnehmung der meisten Deutschen jedoch ist mindestens genauso wichtig. Und die geschah in den letzten fast 20 Jahren primär im Gefolge des "Kampfes der Kulturen" und des "Krieges gegen den Terror". 

Was jedoch heißt das?
Oder: wie kann man "Terror von "außen" bekämpfen,
wenn man sich nur gefiltert mit "denen da draußen" beschäftigen kann? 
"Refugees welcome" ist im konstanten nationalen Teile und Herrsche Modus genauso kurzsichtig wie populistische Äußerungen von konservativen Politikern, die "sich gegen Zuwanderung in die Sozialsysteme bis zur letzten Patrone wehren" wollen (Innenminister Seehofer beim politischen Aschermittwoch 2011).


Diejenigen, die Seehofer damals zugejubelt haben, möchten sicher nicht mit AntiFa-Leuten in eine Schublade gepackt werden. In der Außenwahrnehmung jedoch geschieht dies ständig.
"Der Afghane", "die Türkin", "die Migranten" usw. usf. 
Da wird plötzlich nicht mehr so differenziert.
Und munter instrumentalisiert. 

 

Derselbe Seehofer warnt nun vor dem aufkommenden Rechtsextremismus.
Zusammen mit den Grünen und allen anderen, die sich da demokratisch nennen. 
Man fragt sich immer wieder, ob die Politik überfordert ist in ihrem stetigen Wahlkampfgetöse oder ob die gewählten Volksvertreter da den Plebs mit Geheimdienstmaterial und ihren Beratern stetig gängeln.
Oder beides. Denn sie ahnen kaum, was sie da tun.
Auch in ihrer eigenen unbedarften und undifferenzierten Kurzsichtigkeit. 

 

 


 

 

21.02.2020

 

"Nicht wir haben ein Problem. Deutschland hat ein Problem."

                                                                                                                         Ein Kiosk-Betreiber in Hanau,

 

nachdem er mit unbewegter Mimik von den beiden Toten in seinem Kiosk berichtet hat. Ein Zufall, dass er überlebt hat. Für seinen 20-jährigen Neffen und einen anderen Freund der Familie galt dieses "Glück" nicht. Das "Glück" der Nachgeborenen. Reiner Zufall. Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. 

"Deutschland, Deutschland in der Nacht. Die Bestie, sie ist aufgewacht."

Sie hat nur geschlafen. Keinen Schlaf der Gerechten. Gedöst. Kurz weggenickt. 

Fliegenschiss, Mückenschiss, Vogelschiss. Was auch immer. 120 Jahre Verschlusssache NSU-Akten. Nationalsozialistischer Untergrund. 120 Jahre Schlafen und Dösen von Gerichtsakten. "Verwirrte Einzeltäter". "Verschwörungstheorien". Die Betroffenheitsreden von Politikern und anderen "Experten". 
Teile und Herrsche im bedingungslosen Dauermodus. Der Mensch dem Menschen ein Wolf. Naturzustand. So isses halt. 
Fliegenschiss, Mückenschiss, Vogelschiss. Verwirrte Betroffenheitsgesten. Freiheit des Anderdenkenden. Dauergefechte parlamentarischer Schönredner. 120 Jahre Verschlusssachen. Keine 1000-jährigen Versprechen. Bescheidenheitsgesten? 

Graue Wölfe gibt es auch andernorts. Menschenhasser, die Menschen auf andere hetzen auch. 

 

Ich konnte mir den Namen des Kiosk-Betreibers nicht merken. Sein Gesicht auf dem Bildschirm schon. 

Mein herzlichstes Beileid an ihn und seine Familie. An alle, die da in der hessischen Stadt wie viele andere Angehörige und Freunde verloren haben. Aus dem Leben gerissen. Völlig willkürlich. 

"Verwirrte Einzeltäter". Immer. Menschenhass. Teile und Herrsche. "Narzisstische Befindlichkeitsstörungen". 

"Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen." Fliegenschiss, Mückenschiss, Vogelschiss. 

Verschlusssache. Bald. Der Mensch dem Menschen ein Wolf. Naturzustand.

Glück. Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

 

 

Totschlagen

Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann möglichst viele
Menschen

dann wieder die Zeit
 
Erich Fried (1921-88)

 

 

 

 

 

 

 

19.02.2020

 

"Ich glaube, dass jeder Mensch unschuldig auf diese Welt kommt."

                                                                                                                         Peter Brodbeck

 

Wann aber verliert der Mensch seine Unschuld? Wann verliert das Kind seine Unschuld?

Wenn das Kind Kind ist, dann malt es Regenbogen und sich selbst als Strichmännchen oder Kopffüßler darin. Wenn der Mensch Kind ist, dann glaubt er an den Schutz des bunten Halbkreises, der da aus der Erde aufsteigt. Sie sieht darin ein beschützendes Dach.  

Verliert das Kind also seine Unschuld, wenn es auf das Zischen der Schlange hört und in den Apfel vom Baum der Erkenntnis beißt? Und den Apfel weiterreicht.

Kann ein Mensch diese kindliche Unschuld irgendwann im Laufe seines Lebens wiedergewinnen?

Wie aber vermag sie dann das Dach des Regenbogens zu bauen? Welche Rolle spielt er, welche sie dann darin, die bunt schillernden Tropfen im Licht zu bündeln?

 

 

 

18.02.2020

 

Die Zukunft ist eigentlich ein kleines Fenster im ewigen Strom zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein Fenster der Möglichkeiten und der Chancen und Gelegenheiten, das weiter geöffnet werden sollte.

 

Was wäre also, wenn Bauordnungen nicht nur überregulierte Ge- und Verbote aussprechen und vorschreiben würden, sondern sagen würden, dass jedem Bürger der Bau eines solchen Fensters ermöglicht sein solle? Eine Mauerwerksnische von 10 x 10 cm, bei einer 24 cm starken Wand also als Durchreiche mit mindestens einer Öffnung, vielleicht auch als runder Raum, ähnlich einer Rohrpost also, mit Durchmesser 10-12 cm, mit einer Rauchglas-, also durchgefärbten grauen Glasklappe, vielleicht auch einfach einem Blechdeckel. Das bliebe ja dem jeweiligen Eigentümer dieses Fensters überlassen. Auch die Art des Beschlages und des Verschlusses. Auch, wann und wie das Ding da geöffnet und wieder verschlossen würde. Wie oft zudem. 

Und erst Recht der Inhalt. Eine Spieluhr vom Urgroßvater, die schon seit Urzeiten keinen Ton mehr von sich gegeben hat. Ein angekauter Bleistift. Eine Kinderzeichnung mit einem Mädchen unter einem bunt schillernden Regenbogen. Ein Manuskript von Beethoven's Neunter. Original-Faksimile, angeblich. Eine Bibel, ein Gesangbuch, eine kleine Thorarolle, ein Mini-Koran. Die Lesezeichen jeweils an den wichtigsten Stellen. Ein anderes Buch, mit gelben und orangenen Post-its an den besonderen Stellen. Ein Ton, dem Rauschen im Hintergrund entnommen und dort eingefangen. Ein Ton, den nur der Eigentümer dieses Fensters vielleicht hören kann. Ein Licht. Ein Kerzenstummel. Aber noch leucht- und duftfähig. Welke Blätter. Blüten. Großmutters Kuchenrezepte. Ein Teil ihrer Schürze. Mit dem Geruch aus ihrer Küche. Ein Foto aus jüngeren glücklichen Tagen. Noch mehr Kinderzeichnungen. 

 

Es müsste ja nicht ganz so wie das kleine Studierzimmer, das Studiolo des Federico da Montefeltro im Palazzo Ducale von Urbino sein. Nein. Aber ein ganz kleines Bisschen davon hätte es schon.
Insbesondere, was die Würde des Besitzers betrifft. 

 

 

 

16.02.2020

 

Wer oder was ist denn nun die Zukunft?

 

Und wer oder was bestimmt da die Spielregeln bei dem, was die "Zukunft" so ist oder sein könnte?

Wer oder was lebt also wie oder wann und wo in welcher "verlängerten Gegenwart"?

 

Bezogen auf Architektur, Stadtplanung, und damit zusammenhängend auf "Baukultur" und die "Immobilienwirtschaft" im Großen und Ganzen helfen da einmal mehr verschiedene, relativ zeitgleiche Quellenstudien weiter. 

 

Die Wirtschaftswoche wartet am 8. Februar 2020 mit der Frage auf:
"Endet der Immobilienboom?" Darunter steht dann der eher wieder reißerisch verrätselnde Titel: 

„Wenn es die Letzten merken, ist es zu spät“. Weiter heißt's dann: 
"Neu einziehende Mieter müssen kaum noch mehr zahlen. Erleben wir das Ende des 2009 begonnenen Immobilienbooms? Sinken auch die Kaufpreise? Reiner Braun, Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts Empirica über die weiteren Aussichten – und eine echte Sensation."

Die letzten Sätze dann des Forschers auf die Frage: "Wie wird der Immobilienboom enden?"
"Bislang hat jeder Immobilienboom mit einem Überangebot geendet. Das wird beim aktuellen Superzyklus nicht anders sein..." und andere Aussagen dazu indes entsprechen eher volkswirtschaftlichen Binsenweisheiten. Eine "Sensation" sucht man darin vergeblich. 

Bemerkenswert ist eher, wie  der Interviewte hier, Reiner Braun, "einer der Ideengeber für die staatlich geförderte Altersvorsorge mit Immobilien, den „Wohn-Riester“ " eigentlich das Thema "Wohnen" vorwiegend aus Anlegersicht betrachtet. "Baukultur" und "öffentliche Daseinsvorsorge" spielen neben vielen anderen Aspekten volkswirtschaftlicher Realitäten und Perspektiven in dieser Analyse keine Rolle. 

 

"Paloma-Viertel: Kaufen, wo andere nicht mehr können

 Für das teure Esso-Häuser-Areal an der Reeperbahn fanden sich keine Käufer. Jetzt springt die Stadt Hamburg ein, um günstig zu vermieten. Ein Deal mit Modellcharakter?"

titelt die ZEIT dann am 13.02.2020. 
 
Der darin beschriebene "Beitrag zu einer sozialen Bodenentwicklung" von Seiten der Stadt zeigt primär das Dilemma der langjährigen Dominanz "freier Marktregeln", bei denen am Ende der Steuerzahler für lange vorherrschende ungeregelte privatwirtschaftliche Zockerei bezahlen muss. Auch nach aufwändigen und langwierigen Beteiligungsverfahren, die der Kiez und die "Planbude" da von den Investoren ertrotzt haben. 
Die wie gewohnt stark polarisierenden Kommentare unter dem Artikel können kaum verhehlen, dass eine immer stärker werdende soziale Entmischung vieler Städte und ihrer "Traditions-Viertel" irgendwie keine wirklich lebens- und liebenswerte "Stadt- und Baukultur" mit sich bringen kann.  
Vielmehr zeigt sich ganz deutlich, dass das Thema des öffentlichen und des privaten Raumes per se privaten Meinungen und Interessen vorbehalten ist. Und bleibt. 
Die Bodenfrage jedoch per se und damit verbunden die Frage nach Gestaltungshoheit von öffentlichem und privatem Raum in Architektur und Städtebau geht viel weiter. Sie führt zwangsläufig zu Grenz- und Schnittstellendefinitionen. Wie sieht die Gesellschaft aus, in der wir leben wollen? 
Wer ist - WIR?
 
Im BAUMEISTER, dem in München herausgegebenen Architekturmagazin spricht Alexander Gutzmer im Editorial zum Februar 2020-Heft im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der "Schinkel'schen Bauakademie" zu Berlin und der Besetzung des Chefpostens dafür durch einen fachlich nicht unbedingt qualifizierten Politiker von einem "Problem deutscher Öffentlichkeit: dass die unterschiedlichen Teileliten unter sich bleiben und nicht miteinander kommunizieren."

 

Die Frage nach dem Verständnis des BAUMEISTERs und anderer "Teileliten" von "Baukultur", von öffentlichem und privatem Raum und den entsprechenden Grenzen und Übergängen zu Beginn der 2020er Jahre indes scheint auch alleine auf den Ebenen dieser jeweiligen "Teileliten" ausgehandelt zu werden.
Einmal mehr scheint Italien da ein Vorreiter für Entwicklungen in Deutschland. Auf politischem wie kulturellem Gebiet. "Die Kaste: So wurden italienische Politiker zu Unberührbaren" wurde 2007 von Gian-Antonio Stella und Sergio Rizzo herausgegeben. 

 

Vielleicht könnte ein Buch über "deutsche Teileliten" auch so ein Erfolg werden wie seinerzeit das Buch der zwei Journalisten vom Corriere della Sera in Italien.
Aber eigentlich ist es dafür wohl erst einmal mehr zu spät. 
Das Geschwätz der "Teileliten" nervt eher. 

 

 

 

 

 

12.02.2020

 

Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst

 

Aber einer "post-heroischen Gesellschaft", deren erster Kanzler nach dem 2. Weltkrieg noch nach seiner letzten Amtszeit Mitte der 1960er sagte, dass "das deutsche Volk seit 1914-18 völlig überfordert gewesen sei" meint man immer noch erzählen zu müssen, dass es da im 3. Weltkrieg nur eine Wahrheit gäbe.
Im "Nahen Osten", der lange hier in der deutschen Presse auch als "Mittlerer Osten" durchging, gibt es aber viele verschiedene geostrategische und lokal-globale Interessen, die sich da überlagern. 

"They hijacked my religion", sagte ein kluger Freund von mir in Afghanistan. Als stolzer Paschtune meinte er sowohl die Taliban, als auch irgendwie "den Westen", für den er dort arbeitete.
Zumal er jetzt im Exil in den US lebt.
Hätte man sich vor der Irak-Invasion 2003 etwas mehr mit den Menschen dort auseinander gesetzt, dann hätte man ahnen können, dass "Teile und Herrsche" zu einem Fanal in der Region führen würde. 
Dass die ZEIT immer noch diese Erzählung von "gut und böse" aufrecht erhält jetzt beim Sturm Assads mit russischer und iranischer Unterstützung auf Idlib und die westliche "Befreiung" Mossuls von "IS-Rebellen" genauso wie 2003 Bagdad und Fallujah und und und dabei vergessen machen will: das hat keine "zivilisatorische Qualität". 

 

Ist man in deutschen Medien wirklich am Ende der Grausamkeiten und des Mordens interessiert?
Was geschieht im Jemen, was in Afghanistan?
Wer hat da welche Interessen?



Nochmals die Frage: sind der Westen und die Presse in Deutschland wirklich an einem Ende des Gemetzels gerade auch an Zivilisten in Syrien und sonst wo interessiert? 

Die Schilderungen des Arztes hier aus Idlib sind erschütternd. Aber ein Krieg, der mehrere Fronten kennt und in dem es irgendwann leichter wird, eine Waffe auf "freien Märkten" zu erhalten als "Brot und Wasser" kann nur mit dem Willen aller Beteiligter beendet werden.
Der hier zu Wort kommende Arzt jedoch ist sichtlich traumatisiert. Alle Beobachtungen unterliegen dieser großen Angst. So wird das Ganze reißerisch, aber es zeigt nicht im Geringsten auf, was zu tun wäre, um eine solche Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit zu überwinden. 

Weil das vielleicht auch gar nicht gewollt ist? 
Weil Täter und Opfer hier eigentlich nur vorgeschoben sind, um die einseitige Betrachtung eines vielseitigen Geschehens aufrecht zu erhalten? 


 

Die Meldung "Koalition genehmigt weitere Rüstungsexporte an Katar und die Türkei" zu Libyen, wo ja auch französische und italienische Interessen widerstreiten und entsprechend auch aktiv und passiv auf verschiedenen Fronten kämpfen am selben Tag wie zwei Artikel zu Idlib und dem syrisch-russisch-iranischen Vorstoß dort entlarvt da eigentlich die ganze Bigotterie der "Leitmedien" bei uns. 

 

Wenn man die Grausamkeiten der Kriege im Nahen Osten wirklich beenden und den Völkern einen Übergang zu einer "Post-Konflikt-Ordnung" und zu einem Wiederaufbau ermöglichen will,
dann muss man da schon anders berichten. 
Es scheint aber nicht im Interesse der Medien hier zu sein, da hin zu kommen. 

 

Krieg ist so ein viel besseres Geschäft. Auch für die "vierte Gewalt". 

 

 

 

08.02.2020

 

Ende Tagebuch

 

China wird also bald weitere Hilfesignale gen Westen senden. Die Art der Berichterstattung zum
Corona-Virus zeigt deutlich, dass man auch eine Verschärfung der westlichen Wirtschaftskriegsführung befürchtet. Wo man selbst in einer geschwächten Position ist.

In Anbetracht jedoch der wichtigen Zulieferbetriebe für westliche Schlüsselindustrien und die Übermacht an Produktionsstandorten dieser Schlüsselindustrien selbst im Lande hat man genug Asse im Ärmel.

Unschön wird es einmal mehr, weil die Kernthemen des Umbaus eines (selbst-) zerstörerischen Systems einmal mehr in eine ungewisse Zukunft verlagert werden. Machtkämpfe zwischen balzenden Hähnen
und gluckenden Hennen sind wichtiger als „System-Umbau“ und andere wesentliche Dinge.

 

Fridays for Future? The rest of the week belongs to eternal past presence.

Der „Musterschüler“ China, der zuletzt auch die Überwachungsmaschine der NSA perfektioniert hat, wird im „globalen Neo-Feudalismus“ Mittel und Wege finden, seine Eliten vor dem „Untergang“ zu bewahren. Auch sonst geht es ja überall weiter von einer Qual- der Wahlperiode zwischen Pest, Cholera, spanischer (US-) Grippe und Corona-Virus.

Der Krieg um die Deutungshoheit von Geschichte und den Daten ist ja Teil des ganzen blöden Theaters. Wenn da irgendwo von „boomenden Wirtschaftsdaten“ gesprochen wird, dann kann man davon ausgehen, dass dies nicht für die Mehrheiten der Menschen dort gilt. Die Frage: „Wie kann die offizielle Arbeitslosenrate 3,8% sein, wenn in Wahrheit 37% der US-Amerikaner arbeitslos sind?“ könnte insofern auch bei uns immer wieder neu gestellt werden.

 

„Eliten“ und ihre medialen Wächter und deren Verwaltungen lernen eben voneinander. Dieses Lernen jedoch scheint immer wieder auf die jeweilige „Kastenebene“ und „Teilelite“ beschränkt.

 

Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden sollten hier noch kurz genannt und gewürdigt werden. Mutige Menschen. Ehrwürdige Kämpfer.

Alles Weitere ist Geschichte. Und der Unfähigkeit, daraus zu lernen.

Das Leben verstehen kann man ohnehin erst im Blick zurück.

Zumal, wenn der Blick nach vorne so vernebelt ist.

 

Was bleibt, das ist ein graues Bild.

Es geht weiter. Zweifelsohne irgendwie.

Eine völlig verdreckte 3-4-Grad-Welt werden auch die Erben und Nachfahren von Trump, Hitler, Mao, Xi Jinping, Pol Pot, Pinochet, Stalin, Bolsenaro und der vielen hier nicht weiter genannten anderen Wölfe und Schafe, Hähne und Hennen in ihrem Gefolge nicht schadlos überleben. Aber was heißt das schon?

Wenn der Mörder mit dem Tod davonkommt, dann ist das auch dem Opfer und dessen Nachfahren kein wirklicher Trost. Zumal, wenn der Mord so hässlich war. Eine lange Folter eigentlich.

Die „Krone der Schöpfung“ war ein Irrtum.

So oder so.

 

Dieses Tagebuch wird bis auf weiteres ausgesetzt. Was soll das denn auch schon?

 

 

 

07.02.2020

 

Neo-Konfuzianismus, Neo-Liberalismus, Neo-Konservativismus, Neo-Kolonialismus
u. ä. „Neo-ismen“ = Turbo-Endzeit-Kapitalismus?

 

Die 1990er Jahre dann nach Deng’s Devise 1992, dass „das Streben nach persönlichem Reichtum nicht der Parteidoktrin entgegenstehe“ waren gekennzeichnet von diesem in die Fläche gehenden Übergang zur „Privatwirtschaft“: die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen, Verkauf von seit der Revolution 1949 staatlichen Ländereien, vermehrte Niederlassung westlicher Firmen und Produktionsstandorte in China etc. Geschicktes „Outsourcing“ westlicher Unternehmen auf Billigmarkt Nr. 1.
Kaum Tarif- und auch keine Umweltstandards.

 

Die 2000er Jahre dann waren gekennzeichnet durch die entschiedene Ausweitung dieser „privatwirtschaftlichen Initiativen“. Dies wurde zusätzlich befeuert durch den massenhaften
Aufkauf von US-Staatsanleihen. Mithin des US-Außenhandelsdefizites nach 911.

Die Rating-Agenturen S & P, Fitch und Moody’s saßen alle in den US. Eine Abwertung der Kreditwürdigkeit der US konnte somit nicht erfolgen. Die „Kriegswirtschaft“ der „letzten Supermacht des kalten Krieges“ tat auch genug, um ihren eigenen Niedergang als stetigen Erfolg zu verkaufen. Der jetzige Bewohner des Weißen Hauses mit seinen Kämpfen um die Deutungshoheit im Amoklauf des „Turbo-Endzeit-Kapitalismus“ verlagert da nur den Schwerpunkt.

China jedenfalls wurde in den 2000ern von der „Werkbank der Welt“ damit zum „Motor von Entwicklung“. Landraub, Immobilienblasen, Umweltzerstörung, „Ausbeutung der werktätigen Massen“: all inclusive. In noch nie gesehenen Ausmaßen.  

 

Die 2010er Jahre dann begannen mit der größten vorstellbaren Immobilienblase. 64 Mio, leerstehende Neubau-Wohneinheiten waren dabei „nur eine Zahl unter vielen“. In der Folge der Wirtschaftskrise 2008, die ja ihren Ursprung in den US hatte jedoch wurde kaum darüber berichtet im Westen. Es war klar, dass eine harte Landung der chinesischen Blase alles herunterreißen würde. Die ersten Hinweise darauf erhielt ich durch einen Stadtplaner, der als solcher auch Berater des „Drone-war-kings“ und sicher, wie Michael sagte, „unterschätzten“ US-Präsidenten Obama war.  Ein Fernsehbericht aus Australien, in dem zwar wichtige Fragen gestellt wurden. Aber wie bei allem, was da in den 2010er Jahren geschah, ging es in erster Linie darum, „Appeasement“, Schuldzuweisungen und subtile Zensur zu betreiben. An „globalen System-Umbau“ oder ähnliches war nicht zu denken.

 

„Schattenbanken“, schnelle „Abschreibungsmodelle“ für „Investoren“ und viele andere Methoden, um Pleiten und Fehleinschätzungen da als „Reichtum“ zu verbuchen – nach den Opium-Kriegen 1840 wollte man in China nie wieder vom Westen gedemütigt werden. Insofern wurde man zum Musterschüler des Turbokapitalismus. Andere Werte wie etwa der „Armuts-Index“ des Gini-Koeffizienten indes zeigen deutlich, wie sehr das „Reich der Mitte“ und „der Westen“ sich einander angenähert haben.

 

 

 

 

06.02.2020

 

China „im Griff des Virus“

 

Natürlich ist das Corona-Virus als mutierter (Influenza-) Virus, das den (säuge-) tierischen Wirt gewechselt hat und sich bei Menschen durchaus gerne einzunisten scheint nicht zu unterschätzen.

Die letzte große Pandemie, die „spanische Grippe“, die eigentlich aus den US kam und Ende des
1. Weltkrieges wütete, raffte damals bis zu 50 Mio. Menschen dahin. Insofern hat der allgemeine Alarmismus durchaus positive Seiten. Man ist gewarnt.

Man lernt aus der Geschichte. Irgendwie schon. 

 

Aber die Gefahr der Erkrankung steht und fällt auch mit den Abwehrkräften des Infizierten oder allgemein: des dem Virus ausgesetzten Menschen. Angst ist da nicht unbedingt der beste Berater für die Immunität von Menschen und anderen Tieren. Zumal, wenn diese wesentlich medial geschürt wird. Und wenn die Menschen dabei als Herde zusammengetrieben, aber gleichzeitig separiert werden.

Als Schafherde im Angesicht des bösen Wolfes vielleicht?

Nur: wer ist da „der böse Wolf“ wirklich? 

 

Als ich im Sommer 1989 kurz nach der Niederschlagung der Studentenbewegung auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking und andernorts für drei Monate kreuz und quer durch China reiste, erlebte ich ein in Angst erstarrtes, geradezu apathisches Land. Gerade einmal 20 Jahre nach den Gräuel der Kulturrevolution drohte neues Unheil. Jeder vermied, das Wort „Tienanmen“ nur auszusprechen. Zumal gegenüber einer Langnase. Das konnte man nur an verborgenen Orten. Wo ich dann auch häufiger Studenten traf, die mir von den Unruhen an ihrem jeweiligen Ort berichteten.

Eine große alte Dame, Medizin-Professorin aus Peking, die mit auf der Fähre war, die uns Ende August 1989 durch die drei damals noch vorhandenen malerischen Schluchten auf dem Yangtse von Chongqing nach Wuhan brachte war ohnehin furchtlos und hatte nichts zu verlieren. Sie war noch am
7. Juni auf dem Tienanmen gewesen und hatte dort mehrere ihrer Studenten besucht. Zwei von ihnen starben drei Tage später dort.

 

Dennoch ist davon auszugehen, dass das Ereignis auch bei uns wesentlich medial aufgebauscht wurde. Der Fokus lag auf Peking. Das Internet und „soziale Medien“ gab es noch nicht.

Unruhen und Tote gab es aber auch an anderen Universitäten. In anderen Städten. Insbesondere im Süden Chinas. Im Dunstkreis der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong.

Trotz allem Zentralismus und aller Staatsdoktrin, die „das Reich der Mitte“ immer auszeichneten: Wichtige Bewegungen fanden immer auch von der jeweiligen Hauptstadt ausgehend in der Fläche, durch alle Provinzen hindurch statt. Durch alle Zeiten. Nicht nur im 20. Jahrhundert.

„Der lange Marsch“, „Der große Schritt nach vorne“, 

die „Kulturrevolution“ und auch die „urbane Revolution“.   

 

 

 

 

05.02.2020

 

China und die Welt

 

Oft sind es die kleinen Nebensätze, die die Botschaft hinter der Botschaft enthalten. Das wirklich maßgeblich entscheidende Motiv des Täters, der da neben dem Opfer mit

Blut verschmiertem Messer am Tatort steht, wenn die Ermittler kommen.

 

Das „Corona-Virus“ hält die Welt in Atem. China zeigt von Anfang an, dass es mit der internationalen Gemeinschaft eine Pandemie verhindern möchte. Die Bauarbeiten von riesigen provisorischen Kliniken in Fertigteil-Bauweise für Infizierte in Duisburgs Partnerstadt Wuhan am Yangtse innerhalb weniger Tage gehen um die Welt. Die Quarantäne der 11 Millionen-Stadt und vieler anderer Großstädte, die Ängste der Bürger: viele dieser Bilder kommen zu dieser imposanten Leistungsschau der chinesischen Bauindustrie und der Partei zur besten Sendezeit auch in westlichen Ländern an. Aber: ist diese Schau alleine durch ein sicher recht aggressives und neu mutiertes Grippevirus zu erklären?

 

Chinas Wirtschaft steht vor einer „Wachstumsprognose“ von 2-3 % für 2020. Ein so geringes Wirtschaftswachstum hat das „Reich der Mitte“ zuletzt zu Maos Zeiten, also vor rund 50 Jahren im Schatten der „Kulturrevolution“ erlebt.

 

Für einen (Mittel-) Europäer mag dies nicht sonderlich alarmierend klingen. Für China und die Partei jedoch ist es mehr als eine Katastrophe. Zwei Generationen stetiger Aufwärtstrend mit jährlichen Wirtschaftswachstumsraten von 6-10% in einem denkwürdigen Aufschwung, der rund die Hälfte der bald 1,4 Milliarden Menschen in China aus statistischer Armut befreit hat. Ein „gigantisches Experiment“, das Altkanzler Helmut Schmidt mehr als einmal mit Ehrfurcht betrachtet hat.

 

Es ist noch nicht lange her, dass man hierzulande sagte, dass es einen kaum interessiere, wenn in China ein Sack Reis umfalle. Hier jedoch handelt es sich um ein Beben, das sich auch bei uns bemerkbar machen wird. Sowohl Trumps Handelskriege, als auch die allgemeine Rezessionsdrohung auf den (Finanz-) Märkten hinterlassen deutliche Spuren. Weltweit. 

 

 

 

04.02.2020

 

Was bringen die 2020er?
 

„ Die 10 Thesen zur Bodenfrage“ vom Kollegen Florian Hertweck, Prof. in Luxemburg für Architektur, Europäische Urbanisation und Globalisierung, sprechen neben vielen anderen hier angesprochenen Themen zum Umbau von Staat und Gesellschaft im Klimawandel eine deutliche Sprache.

 

 

Foto (sf) hier, Vortrag im Düsseldorfer Stadtmuseum, 16.05.2019

 

„Baukultur“ erfordert in einer Demokratie bei drängenden Umbaumaßnahmen Menschen aller Schichten mitzunehmen. Es handelt sich auch um erforderliche Umbauprozesse von Staat und Gesellschaft.
Es gilt dabei, demokratischen und sozialen Konsens zu ermöglichen. Dafür ist viel intensiveres Lernen und Zuhören auch von der Politik und mächtigen Interessensgruppen erforderlich.

Immer dieselben simplen Mantras von Politikern in Talk-Shows zeigen, dass sie ihren Job verfehlt haben und die Steuergelder ihrer teuren Diäten nicht verdient haben. Gurus und ihre simplen Geschäftsmodelle gehören nicht in eine realistische demokratische und vor allem zukunftsfähige Politik.

Auch andere „Teileliten“ zeigen in besagtem BAUMEISTER-Artikel, wie wenig sie von der Vielfalt, der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit des grundgesetzlichen Souveräns verstanden haben.

Vertrauen darin und Hoffnung auf eine bessere Zukunft sollten das Ziel demokratischer Willensbildung in einem Rechtsstaat sein. Konsensbildung kann dabei nicht durch Desinformation und Ausklammern vieler Stimmen der Mehrheiten geschehen. Der Konsens muss vielmehr über den planerischen und moderierten Dissens mit dem Willen zu demokratischem und sozial ausgleichenden Konsens erreicht werden.

Dafür bedarf es überhaupt einmal des Willens dazu. Von Seiten von (Teil-) Eliten in (Föderal-) Staat und Wirtschaft wie von Seiten des grundgesetzlichen Souveräns.

 

 

 

 

03.02.2020

 

„Harte und weiche Faktoren“

 

In vergleichbarer Weise, wie unser Kollege Paul Virilio schon den ersten Golfkrieg 1991

als „kleinen 3. Weltkrieg“ bezeichnete sagt „Handelsblatt Chef-Ökonom“ Prof. Dr. Bert Rürup:

„Wir befinden uns längst in einem Wirtschaftskrieg.

Der US-Präsident weiß um die Widerstandsfähigkeit der US-amerikanischen Volkswirtschaft gegenüber Verwerfungen des Welthandels. Dies macht ihn zu einem wenig verlässlichen handelspolitischen Gesprächspartner.“

Chris Hedges, US-amerikanischer Journalist und Autor, bis 2003 bei der New York Times spricht von den US als einer „gescheiterten Demokratie“. Den gewählten derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses in Washington DC mit dem nervösen Daumen im Streit um die Deutungshoheit für verkündete Nachrichten bezeichnet er als „Symptom, nicht die Erkrankung“. Als ehemaliger Nahost-Reporter der NYT ist er auch Kriegsberichterstatter und weiß, wie ein „heißer Krieg“ sich anfühlt. Als entschiedener Gegner der US-Invasion im Irak 2003 weiß er zudem, wie schnell die Dinge eskalieren und sich ausweiten können.

 

Die Konjunkturdaten sprechen immer wieder deutlich von einer Rezession, die nach vielen Jahren, rund zwei Jahrzehnten zwischen Deflation und mit allen Mitteln kontrollierter Inflation ins Haus steht. In der Geschichte der Ökonomie ist die Deflation die Phase mit der größten Anhäufung kriegerischer Auseinandersetzungen. Mehr oder weniger „outgesourceter Ereignisse“. Die Folgen aber haben uns hier in der Mitte Europas sehr wohl schon lange erreicht.

Die Warnsignale und das stetige Abwiegeln zur Rezession selbst mit dem Verweis auf einzelne positive Konjunkturdaten sprechen da zudem eine deutliche Sprache. Die „deutsche Angst“  davor nach mehr als 10 Jahren „Boom“ und „Profitieren“ einiger von der Krise 2008 ist da einmal mehr sprichwörtlich. 

 

Die Menschen überall spüren, dass da viele Dinge kippen. Sie lassen sich in vielen Dingen nicht mehr alles so leicht vormachen. Sie wollen nicht als „weiche Faktoren“ wahrgenommen und behandelt werden. Gleichzeitig sind sie aber orientierungslos. Die Angst vor dem Kippmoment und der Perspektivlosigkeit, den Abgründen dahinter hält sie gefangen. Sie möchten, dass man sie und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Die Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden und Ausgleich und der Wunsch nach glaubwürdiger Arbeit auch von Medien und Politik dafür gehören auch dazu.
Der Weckruf jüngerer Generationen zum Klimawandel zeigt, dass „zukunftstaugliche Planung“ weitaus mehr leisten muss, als vorwiegend „harte Profitinteressen der Immobilienwirtschaft“ zu bedienen. Auch hier gewinnen die im Artikel im BAUMIESTER ganz nebenher als „weich“ bezeichneten Faktoren entschieden an Härte. 

 

02.02.2020

 

Richard Sennetts Buch „The Corrosion of Character“ von 1998 wurde leider im deutschen Titel mit „Der flexible Mensch“ eher schwach übersetzt. „Die Korrosion des Charakters – und des Gemeinwesens darin“ ist viel bildhaft ausdrucksstärker als der deutsche Titel.

Einer der zentralen Abschnitte daraus besagt:

„In seiner klassischen Studie Lean and Mean zeigt Bennett Harrison, dass die hierarchische Macht bei dieser Produktionsform fest verankert bleibt: das Großunternehmen behält das wechselnde Ensemble abhängiger Firmen fest im Griff und gibt Einbußen wegen Rezession oder erfolgloser Produktion an seine schwächeren Partner weiter, die stärker darunter leiden.

Die Inseln der Arbeit liegen vor einem Festland der Macht.

Harrison nennt dieses Netzwerk ungleicher und instabiler Beziehungen „Konzentration ohne Zentralisierung“. ... (Diese) ist eine Methode, Befehle innerhalb einer Struktur zu übermitteln, die nicht mehr so klar wie eine Pyramide aufgebaut ist – die institutionelle Struktur ist gewundener, nicht einfacher geworden. Aus diesem Grund ist das Wort „Entbürokratisierung“ ebenso irreführend wie unelegant. In modernen Organisationen, die Konzentration ohne Zentralisierung praktizieren, ist die organisierte Macht zugleich effizient und formlos.“ *

 

Die „Immobilienwirtschaft“, die dem Architektur-Magazin Baumeister diesen Artikel zum „Bauen im Bestand“ entsprechend „effizient und formlos“ geschrieben hat, verweist am Ende wohlweislich auf ihren wichtigsten Partner hin: den Staat als Wächter des „korrodierten Gemeinwesens“:

„Jedoch formen Politik und Markt Rahmenbedingungen, die die Bestandsentwicklungen für Kapitalgesellschaften, Fonds oder Versicherungen uninteressant machen. Dort, wo die Rendite über
allem steht, haben Bestandsgebäude derzeit das Nachsehen. Nimmt man jedoch weiche Faktoren wie gesellschaftlichen Zusammenhalt, Nachhaltigkeit und Klimaziele, Akzeptanz in der Bevölkerung, Wahrung des (historischen) Stadtbilds in den Blick, könnte es lohnen, den Bestand zu fördern.
Die Aufgabe der Politik ist es folglich, zwischen der eigenen Agenda, den Bedürfnissen der Menschen, örtlichen und ökologischen Gegebenheiten und den profitorientierten Interessen der Immobilienwirtschaft abzuwägen.“ (Scan des gesamten Artikels hier im Anhang)

 

Dass das Auftreten der jungen Dame aus Schweden eigentlich einen späten Weckruf der die hier benannten „weichen Faktoren“ immer als letzte betrachtenden Märkte und der Politik bedeutete, das ist weder ihr selbst, noch den vielen Mittelschichtskindern und Jugendlichen in Greta Thunbergs Gefolge anzukreiden. Was überhaupt als "weiche Faktoren" hier bezeichnet wird, das ist schon erstaunlich. Der einzige "harte Faktor" ist demnach der Profit. 

Bedeutet „Konformismus im Zeitalter hochflexibler Macht-Konzentration ohne Zentralisierung“ auch:
sich solchermaßen demokratisch wähnende Gesellschaften benötigen keine „Helden oder Heldinnen“ wie Greta, die dann auch von allen Seiten vereinnahmt und dann langsam zum Klippenrand hin abgeschoben werden, sondern ein „formloses WIR“ beschwörende Gefolgsleute unter den den Markt und die Politik regelnden (gewählten und ungewählten) Kräften? Dies deutete zumindest Bundespräsident Steinmeier so in seiner Weihnachtsrede an.

Ein Volk von Schafen, das das Abgrasen ihrer Weideflächen bedingungslos hinnehmen soll?

 

Viele Bundesbürger sprechen von „Einheitlichkeit der ehemaligen Volksparteien“ nach mehr als einem Jahrzehnt der „schwarz-roten und schwarz-gelben Koalitionen“. Der Schritt zum Staat der „Einheits- oder Blockparteien“ ist da nicht mehr weit. Ganz wesentlich kommt dazu dann aber auch noch das allgegenwärtige "St. Florians-Prinzip", der US-amerikanische "NIMBYismus": "Klimaschutz und so - alles gut! Aber nur nicht in meinem Vorgarten oder in meinem Hinterhof!"

Dass Baugruppen heute, anno 2019 „SUV-affine Stellplatzbreiten von 2,80 m Breite“ möchten spricht da auch nicht unbedingt von viel Verständnis für die hier als „weich“ bezeichneten Faktoren der Ortsentwicklung. Aber auch gegen eher „grüne Klientelsgruppen.“

Auch hier scheinen völlig falsche Anreize gesetzt zu sein. Individueller Konsum, der die Menschen in ihrer jeweiligen Filterblase gefangen halten will und Klimawandel und Umbau zu mehr Nachhaltigkeit gerade auch in der Mobilität: das geht alles nur mit größerer Solidarität. So werden Menschen in ihrem Dasein als "weiche Faktoren" belassen. "Baukultur" und "Wahrung des (historischen) Stadtbilds" ebenso.

Eine "Klimapolitik", die die Solidarität der Menschen untereinander nicht fördert und nicht oder nur wenig lernfähig ist im Hinblick auf "Anreize" und die erforderlichen Entwicklungsprozesse wird niemals funktionieren. Sie wird unseren Kindern und Enkeln noch mehr Ballast aufbürden.
Eine solchermaßen zerstörte Zukunft jedoch kann keine Option sein. 

 

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt spricht vielmehr alles dafür, dass da ein Riss durch das Land geht, der zwischen Besitzenden, die noch Investitionskapital zur Verfügung haben und immer mehr Besitzlosen, die dieses niemals zur Verfügung haben besteht. Ein Riss, der sich überall mehr oder weniger deutlich darstellt. 

 

*   Richard Sennett, „Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus“,
    Aus dem Amerikanischen von Martin Richter; 8. Aufl. 09/ 2010; Original: „The Corrosion of Character“: 

    © 1998 Richard Sennett, dt. Ausgabe: © 1998 Berlin-Verlag GmbH, Berlin, S. 70, 71

 

 

 

"Bauen im Bestand - ein ungleicher Dreiklang"; Artikel aus BAUMEISTER, das Architektur-Magazin B1 / 2020
Bauen im Bestand - ein ungleicher Dreikl[...]
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01.02.2020

 

Wenn man die Stichworte „Bauwirtschaft“, „Infrastruktur“, „Sanierungsstau“ und „Investitionsstau“ in jedwede Suchmaschine eingibt und entsprechend die ersten Seiten daraufhin von Handelsblatt und Wirtschaftswoche liest, dann erscheint schon einiges der komplexen und divergierenden Interessenslagen auf diesen Gebieten hindurch. Und: Bauen ist doch ein komplexer Vorgang, der vielseitige und vielschichtige Betrachtungen und entsprechende Formen der Zusammenarbeit fordert, oder?

Man stößt auch auf einen Blogbeitrag im „Blog der Republik“ von Ex-Kanzler Kohls früherem Regierungssprecher und früheren Leiter der ZDF-Wirtschaftsredaktion Friedhelm Ost zum Thema. Dieser verrät viel mehr informative Details als der zitierte Artikel im Baumeister. 

 

Dass da im Investitionsstau bei Schulen und öffentlichen Bauten oftmals im Rahmen der "Energiewende" falsche Anreize gesetzt wurden, das scheint die träge Maschinerie der Gesetzgebung leider auch noch nicht verstanden zu haben: KFW-Kredite, die alleine auf die Fassade fokussierte "energetische Sanierung" fördern, führen in der Praxis oft zu jahrelangen Verzögerungen in Planung und Ausführung. Die dabei zu Tage tretenden Konflikte mit Baurecht / Brandschutz und in Anbetracht der Bauzeit der meisten Gebäude in den 1950ern bis 1970ern, auf Schadstoffbeseitigung müssen erst mühsam aufgedröselt werden. Die dabei vorprogrammierten "Kostenexplosionen" alleine für die Bewilligung der Zuschüsse für aufwändige Schadstoffbeseitigung und brandschutztechnische Ertüchtigung verzögern alles nochmals um Jahre. Zumal jeder Angst hat, dass ihm oder ihr diese Versäumnisse angekreidet werden.
Bei einer entsprechend sinnvoll bewerteten Sanierung des Baubestandes müssen die zumindest vier Fassaden und das Innere, also auch Kerne und (Nutzer-) Ausbau gemeinsam begutachtet werden. 

Bei Wohnbauten und ihrer Sanierung ist das nicht anders. Es erfordert jedoch dort je nachdem noch kleinteiligere und detailliertere Betrachtungsweisen. Im Hinblick auf Anschluss und Weiterbau von Einheiten und vieles mehr innerhalb von Wohngebäuden.

Pragmatismus und vor allem weniger Beratungsresistenz von Seiten des Gesetzgebers sind zu allererst gefordert. Aber vor allem: weniger Fragmentierung, mehr "nachhaltige und ganzheitliche Betrachtung von Häusern und ihren Nutzern". Zuhören und Lernen vorneinander ist da gefordert. Nicht erst darauf warten, dass "statistisch ganz viele Kinder in den Brunnen gefallen sind". 

 

Auch hier lohnt es nochmals, den weisen Kollegen Alvaro Siza zu zitieren:

„Alles ist viel komplexer und gleichgültiger geworden. Deshalb ist es sehr schwer, ein Gleichgewicht herzustellen. Das ist allerdings weniger ein Problem der Architektur als vielmehr der Menschheit und der Gesellschaft. ... Das Problem fängt an, bevor die Architektur ins Spiel kommt. ...

Architektur hängt also immer von den Kunden ab.“ *

 

Wer ist aber dieser „Kunde“ heute im Städtebau, der Architektur also im jeweiligen urbanen oder regionalen Umfeld? Wer sind da die Akteure und welche Interessen vertreten diese?
Zumal auf „globalisierten und sich selbst als 'frei' bezeichnenden Märkten“?

 

 

*    „VORTEILE; Das Backstein-Magazin“, Ausgabe 19, „Fritz-Höger-Preis 2020

      für Backstein-Architektur";  © 2020 Kopfkunst, Münster, S. 5-9

 

 

 

31.01.2020

 

In Anbetracht der Tatsache, dass Philipp Johnson als einer der "Väter der Moderne" im Hinblick auf Bauherrenschaften und die "Immobilienwirtschaft" ja durchaus verschmitzt sagt:

"I'm an architect. I'm a whore" sollen die hier eingangs (gestern) erläuterten Themen exemplarisch noch einmal unter diesem Blickwinkel betrachtet werden. 

 

Nach einer über drei Hefte gehenden Serie zum Schwerpunkt „Sozial Bauen“ fand sich im BAUMEISTER in Heft  B1 / 2020 der Artikel „Bauen im Bestand – ein ungleicher Dreiklang?“
Das schwierige Thema jedoch wurde dort in erster Linie von Seiten der Immobilienwirtschaft behandelt. "Das soziale Element des Ausgleichs als wesentlicher Teil von Baukultur" und insofern als essentieller Bestandteil gesellschaftlichen Seins nach dem 2. Weltkrieg erfordert aber dringendst detailliertere Betrachtungen, die primär finanzwirtschaftlich orientiertes Autorentum so gar nicht im Blickfeld haben kann. 
Dieser Blick jedoch ist bei Begutachtung der vielen Aspekte des (Bau-) Bestandes, also somit unseres "Kulturellen Erbes" insbesondere im Gefolge des Bruchs des 2. Weltkrieges unabdingbar. Der Blick hat somit auch etwas mit "Wertschätzung des Bestandes  und seiner Bewohnerschaften" zu tun. 

 

Stattdessen aber enthielt der Artikel leider einen völlig einseitigen und abwertenden Hinweis auf Bürgerproteste. Proteste, die ja auch irgendwie der allgemeinen Verwirrung und der Überforderung geschuldet sind. Zumal es für Be- und Anwohner ja allzu häufig "ans Eingemachte" geht. An die eigenen vier Wände. Mithin das eigene Zu Hause. Die eigene Existenz darin.

Gerade im genannten Beispiel Hamburg St.Pauli protestierten die Anwohner nach dem „preisgekrönten Wettbewerbsentwurf“ von BRT für die Tanzenden Türme zu Beginn der 2010er Jahre nun Mitte der 2010er bei den ESSO-Häusern heftiger und besser organisiert. Der Hinweis darauf, dass die „Planbude“ dort mit den Anwohnern a) einen neuen B-Plan, b) einen Wettbewerb mit von beiden Seiten gesetzten Teilnehmern und letztlich c) eine sehr vielfältige, auch sozialen Bedürfnissen der Anwohnerschaft entsprechende Nutzung von Seiten des Wettbewerbsgewinners mit entsprechend a) hoher GRZ und GFZ erstritten hat: das fehlt völlig im Baumeister-Artikel.

 

Vielleicht, weil das bedeuten würde, dass man sich auf moderierte Verfahren einlassen müsste, um sozialen Ausgleich und „bedarfsorientierte friedliche Nachbarschaften“ zu ermöglichen?

 

In der Kiefernstraße in Düsseldorf  wird es ähnlich verlaufen. Flingern ist als „innenstadtnaher alter Industriestandort und nun zunehmend gentrifiziertes Arbeiterviertel“ da näher an St.Pauli als Oberkassel oder gar Meerbusch-Büderich auf der anderen Rheinseite der „launischen Diva“ hier am Rhein. Zumal die Kiefernstraße selbst nochmals zudem in ihrer bald 40 Jahre währenden Tradition als „staatlich legitimierter Unruheherd“ die sozialräumliche Ambivalenz des schönen niederrheinischen „Landeshauptdorfes“ als Gegenpol zur schnieken Königsallee wie kaum ein anderer Ort hier versinnbildlicht.

 

Geht es in einer solch einseitig lückenhaften Darstellung zum "Bauen im Bestand" darum, dem Anspruch eines Baumeisters als Generalisten, eines „Maurers, der Latein kann“, wie Adolf Loos sagt zu genügen? 
Oder ist dies eher dem entsprechend, was auch Tancredi in Giuseppe Tommaso di Lampedusas „Gattopardo“ sagt:

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ 

 

Oder geht es darum, bei einer solchen „Berichterstattung“ über "Bauen im Bestand" viel Theater zu machen, aber jegliche schon lange unterbreiteten Vorschläge zu strategisch-prozesshaften Veränderungen einmal mehr unter den Tisch fallen zu lassen?

 

 

 

30.01.2020

 

Vor kurzem fragte mich ein in der Finanz- / Anlagenwelt tätiger Freund nach meiner Meinung zum „Berliner Mietendeckel“. Ich antwortete sinngemäß:

„Wenn man ein so lange aufgestautes Problem nur von einer Seite angeht, dann wird dieses ‚Anstoßen’ keineswegs fruchten. Im Gegenteil: es werden sich mittel- und langfristig viele kontraproduktive ‚Nebeneffekte’ ergeben. ‚Schlupflöcher’ werden sich auftun usw. usf. Viele Marktteilnehmer, u.a. Genossenschaften etc. werden zudem abgeschreckt. Sowohl, was ihre Bestandssanierung, als auch was ihre Neubaukapazitäten betrifft. Ein ‚Problemfeld’ muss man schon von mindestens drei Seiten angehen, um es dann allmählich in den Griff zu bekommen. Das ist hier jedoch einmal mehr nicht der Fall.“

 

Der Altmeister (süd-) westeuropäischer Architektur Alvaro Siza bezeichnet Architektur daselbst als „zu allererst einmal Dialog“. Wer steht aber da wie und mit wem im Dialog?

Es gibt viele Strategien, die da "spruchreif" sind, um das Problemfeld des "bezahlbaren Wohnraums", der also insbesondere in städtischen Ballungsräumen weniger als 1/3 des örtlichen mittleren Netto-Einkommens Miete  kostet und anderer kompletter Schieflagen in Stadt- und Regionalplanung anzugehen:

  •  „aktives Quartiersmanagement“ zur Moderation zwischen überfrachteten Planungsbehörden, Investoren / Eigentümern / Vermietern und Anwohnern / Nutzern verspricht bei insgesamt rund 40% mehr oder weniger „kleinteiligem Streubesitz“ im Mietwohnungsbereich kurzfristige und schnelle Lösungsmöglichkeiten am "runden Tisch". Erfordert aber den Willen, "aktive Moderation" zu legitimieren und anzuerkennen, um auf "freien Märkten" soziale Schieflagen und Wege für Interessensausgleiche zu verhandeln. 
  • Das Thema „letzte Zuflucht für Anleger: Immobilien!“ nach über zehn Jahren Null-, nun Minuszins und entsprechendem Abschmelzen langfristiger Anlagemöglichkeiten überall erfordert da auch konsequentere lokale Schutzmaßnahmen. Dies bedeutet ja auch, dass Pensionsfonds wie etwa der „Bayrische Pensionsfonds“ in Düsseldorf-Rath oder an anderen „prosperierenden Standorten“ die Pensionen bayrischer Staatsbeamter mittels Siedlungsbaumaßnahmen dort sichert. Nichts gegen bayrische Beamte. Nur ein augenfälliges Beispiel von vielen. Für eine immer wieder beschworene „Soziale Marktwirtschaft“ und die „Solidarität“ der Menschen untereinander im Föderalstaat sind dies  auf Dauer keine gesunden "Realitäten" .
  • In Anbetracht des im "Bauboom" allzu häufig konstatierten Mangels an Handwerkern sollten eigentlich die Kammern, IHK und HWK, viel deutlicher bemüht sein, Handwerksberufe in Profilen, Aufstiegs- und Fortbildungsmöglichkeiten auch für Kids mit Smartphone-und PC-/ Mac-Tunnelblick attraktiver zu machen. Auch da gibt es viele Möglichkeiten, die Dinge zu verbessern. Möglichkeiten aber, die wie alles auch etwas kosten. Vor allem: ein Um- und Neudenken vieler verstaubter Allgemeinplätze und Gewohnheiten.
  • Spätestens seit dem Hype um eine junge Schwedin und ihre Freitags für die Zukunft streikenden Kollegen erfordert das lange vollends verdrängte Thema „Klimawandel“ oder der vormalige Terminus der „Energiewende“ viel weiter reichende Maßnahmenpakete.
  • Es sei in diesem Zusammenhang nur kurz auf das vorwiegend britisch-italienische Forscherkollektiv „Foundational Economy“ verwiesen und das Handbuch dazu im Deutschen:
    „Die Ökonomie des Alltagslebens - Für eine neue Infrastrukturpolitik“. 
  • Die immer weiter auseinandergehende „soziale Schere“ reicht insbesondere nach der „Agenda 2010“ in die 2020er Jahre hinein. Bei 42 % Spitzensteuersatz und „Rentenanwartschaften von rd. 40 % bei prekarisierten Lebensläufen in volatilen Gewerben“ ruft gerade für die „geburtenstarken Jahrgänge“ jetzt eher pures Grauen bei den Meisten hervor.
  • Das inflationär verbrauchte Wort „Nachhaltigkeit“ wird so eigentlich in den meisten Fällen nur auf eine Fassade eines Hauses bezogen. Die anderen mindestens drei Fassaden und der Inhalt, die Bewohner des Hauses jedoch sind auch im Hinblick auf die "Baukultur" als Ganzes genauso wichtig. 

Man könnte also vieles tun. In manchen Branchen, auf vielen Ebenen. Dafür jedoch ist ein dezidierter Blick auf diese verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen "Seins oder Nicht-Seins" gefordert. Von Menschen auf verschiedenen Seiten, die es da in ihre Existenz hineingeworfen hat. 

Was jedoch bedingt diese bedingungslose "Beratungsresistenz", mit der da nur noch "Teilwahrheiten" von "Teileliten" wahrgenommen werden? Sind diese "Teileliten" zu sehr damit beschäftigt, zwischen Rezessionswarnungen gestern, Hurrameldungen zum prognostizierten Wirtschaftswachstum heute und eher bedächtigen "Es könnte so, kann aber auch anders kommen"-Meldungen morgen ihre eigenen Kämpfe auf ihrer jeweiligen Kastenebene zu bewältigen? 


Oder vielmehr: sind alle, auf allen Kastenebenen von "Gesellschaft" irgendwie mit lange aufgestauten Themen völlig überfordert, wehren sich aber dagegen, diese Problemfelder aktiv zu bearbeiten? Auch, weil "Scheitern uncool", aber letztlich bei jedem Schritt möglich, also "menschlich, allzumenschlich" ist?

Wo steht also die "Volonté generale", der politische Wille dazu, gravierende, lange vertiefte Probleme und Schieflagen wirklich initiativ anzugehen?

 

 

 

 

29.01.2020

 

Was also ist die "Kultur-" und /oder "Zivilisation der Moderne"?

Einerseits sprechen manche inzwischen von der "Post-Postmoderne". Irgendwann 2018 ist mir dann im Zusammenhang mit dem Film "Blade Runner 2049" gar der Ausdruck "Hyperpostmoderne" begegnet.

Der erste, im Jahre 1982 in den Kinos gestartete "Blade Runner" ist inzwischen "Vergangenheit". 1982 "spielte der Film 37 Jahre in der Zukunft – nämlich im November 2019. Nun ist die Zukunft des Science-Fiction-Films also Gegenwart. Was bedeutet das für den Kultstreifen und welche futuristischen Vorhersagen aus Blade Runner sind wahr geworden?" Antworten auf diese klugen Fragen nähert sich Michael Förtsch in IE9 eben im November '19 an. 

Was jedoch ist in Zusammenhang mit dem 36 Jahre nach dem ersten Film ins Kino kommenden "Blade Runner 2049" "Der andere Ort", was ist da die "Architektur des Postfaktischen", was sind da "Gesichter der
Hyperpostmodernen Stadt"? Der Artikel aus dem Architektur-Magazin "BAUMEISTER" wirft so per se ein seltsam diffuses Licht auf den Begriff der "Moderne". 
"Moderne bezeichnet historisch einen Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegenüber der Tradition, bedingt durch Industrielle Revolution, Aufklärung und Säkularisierung. In der Philosophiegeschichte fällt der Beginn der Moderne mit dem Skeptizismus der Vordenker der Aufklärung (Montaigne, Descartes, Spinoza) zusammen."

In der Architektur ist ein wesentliches Merkmal der "Moderne" durch alle Epochen und über alle Generationen die "Aktualität und der zeitgenössische Kontext ihrer formalen Gestaltung". Funktionalität und Orientierung an gesellschaftlichen Bedürfnissen jedoch spielen insbesondere im letzten Jahr Hundert Jahre alt gewordenen BAUHAUS eine entscheidende Rolle. 

Die "Dystopie" des "Post-faktischen" jedoch erscheint so eher verstörend.

 

"Blade Runner 2049" gibt uns noch 29 Jahre bis zu einer Welt, in der die Menschheit und ihre Um- und Mitwelt selbst nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Das "Post-Faktische" derzeitiger Diskurse hat auch die Tendenz zur "Desinformation". Dies jedoch ist für Architektur und Städtebau als gesellschaftliche Aufgabe, als "Bauen an einer verheißungsvollen Zukunft für Menschen" eine fragwürdige Richtung. 

Oder geht es in der "Post-Postmoderne", die nun also dem "Zeitgeist des Post-Faktischen" folgend zur
"Hyperpostmoderne" (v)erklärt wird alleine um die Deutungshoheit bei aktuellen Vorgängen ?
Und was bleibt da vom "Geist der Aufklärung" der "Moderne"?

 

Was meinen Sie, werter Alexander Gutzmer, Chefredakteur des "Baumeister"?

 

 

"Der andere Ort"; "Fantastischer Film - Architektur des Postfaktischen?"; "Blade Runner und Blade Runner 2049 - Gesichter der Hyperpostmodernen Stadt?" von Mark Kammerbauer im Baumeister B4 / 2018
B4-18DerAndereOrt.pdf
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28.01.2020

 

"Kultur-" und /oder "Zivilisation der Moderne" und der "Klimawandel".
Wieder einmal ein seltsamer "Querschläger" hier, den es gilt, genauer zu erläutern. 
Zunächst einmal eine Art "Gretchenfrage" als Einstieg dazu:
Kann man den "Klimawandel" als "Schuldfrage" per Akklamation "bekämpfen"?
Immissionshandel und andere Maßnahmen scheinen das so behaupten zu wollen. 

Was aber ist der "Klimawandel"? Eine komplexe Vielfalt von Ereignissen, die insbesondere auf athmosphärische Energieschwankungen zwischen Äquator und Polkappen zurückzuführen ist.
(Danke an Sven Plöger für diese kurze und prägnante Erläuterung!).
Solche Ungleichmäßigkeiten und rasante Veränderungen in fragilen "Gleichgewichten" haben in den letzten 30 Jahren massiv zugenommen. Durch den trockenen Sommer 2018 hat man das, was viele Orte auf der südlichen Hemisphäre des Globus schon lange quält nun auch auf der Nordhalbkugel viel deutlicher wahrgenommen. Das ist einerseits tragisch. Andererseits ist es aber auch gut so.
Der Wohlstand der Bevölkerungen der wichtigsten ehemaligen "Schwellenländer" China und Indien und die damit verbundenen Emissionen haben im selben Zeitraum, den letzten 30 Jahren massiv zugenommen. Die Emissionen dort eilen dem Ausbau entsprechender "nachhaltiger Infrastrukturen" eher voraus.

Zudem ist das Militär allerorten aus Emissionsberechnungen des IPCC, des "Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen" herausgenommen. Alleine das Pentagon und das Militär der US lägen jedoch in ihren CO2 Emissionen als Nationalstaat berechnet vor Dänemark und Portugal auf Rang 47 der nationalen Emittenten. Die ständigen Alarmsituationen und Einsätze chinesischen, russischen und indischen Militärs und die Kriege im Nahen und Mittleren Osten sind da auch nicht einberechnet.
Ist also Angst ein wesentlicher Faktor des "Klimawandels" und des "Kampfes gegen den Klimawandel"? 

Und was haben die "Kultur-" und /oder "Zivilisation der Moderne" mit dem Thema "Angst" zu tun? 
Wenn man sich die "Angst vor Terror" im "Kampf der Kulturen", also dem, was Samuel P. Huntington eigentlich im amerikanischen Original als "Zusammenprall der Zivilisationen" bezeichnet hat ansieht, dann scheinen da wohl doch viele kausale und konzessive, insofern also auch real konditionale Verbindungen zu bestehen. 

Geht es also auch beim "Emissionshandel" primär um Besitzstandswahrung und Machterhalt, viel weniger aber wirklich um "das Klima", um "nachhaltigen gemeinsamen Ausbau von Infrastrukturen", um nicht zu sagen: um eine lebenswerte Zukunft für die Spezies Mensch auf einem bewohnbaren Planeten?
Auch für kommende Generationen?
Und was macht das mit "Kultur-" und /oder "Zivilisation der Moderne"?

 

 

 

 

27.01.2020

 

"75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz" fragt sich, wie viele "blinde Flecken" da neuerer und jüngerer Geschichte zum Greuel der Shoah dazu gekommen sind. Diese weitere Zunahme von "blinden Flecken" resultiert zu einem nicht geringen Teil auch daraus, dass innerhalb vieler Familien im Lande der Täter der Shoah die Dinge nie besprochen wurden. Dass somit niemals am Küchentisch erzählt wurde, was denn damals passiert ist. Was auch die Rolle der eigenen Vorfahren, in meinem Falle der eigenen Großeltern darin betraf. Insbesondere natürlich der Großväter.
Als einer, der in der Pubertät wie die meisten Heranwachsenden rebellierte bin ich insofern auch stolz darauf, dass meine Eltern dies ausgehalten haben und wir oft abends dann eben dort am Küchentisch saßen und meine Mutter mir dann immer mehr Teile der Geschichte meiner Großeltern erzählte. Mit laufende Täter, die im Falle ihres Vaters, meines Großvaters auch zu (Bauern-) Opfern wurden. Seine Frau, meine Großmutter war ohnehin meine erste große Liebe mit 6 Jahren. 

Den anderen Opa, den Vater meines Vaters lernte ich nie leibhaftig kennen. Er starb 8 Monate vor meiner Geburt. Aber ich weiß, dass er im Jahr der Geburt meines Vaters, 1936 dort, am Küchentisch der Familie sagte, dass dieser Hitler ein Wahnsinniger sei und alles in einer großen Katastrophe enden würde. Und, dass er meinen Vater dazu erzog, niemals den rechten Arm zu heben und dem örtlichen Gauleiter einfach mit seinem Namen einen guten Tag zu wünschen. Und dass er direkt nach dem Krieg bis zu seinem viel zu frühen Tode auf einem benachbarten US-Luftstützpunkt arbeitete und in den 1950er Jahren häufig abends GI's im Haus meines Vaters waren, um mit Opa Deutsch zu lernen, während er sein Englisch aufbesserte. Auch das erfüllt mich mit Stolz. Und mit Liebe. 

 

Der Schoß jedoch ist fruchtbar noch. Heute mehr denn je. Und das beschämt mich. Deswegen habe ich mich dann auch an der "Zentralen Datenbank der Namen der Holocaustopfer der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem" angemeldet. Den vielen Opfern einen Namen und ein Gesicht geben. Einfache Menschen wie Du und ich würdigen, deren gewaltsamer Tod aus dem Lande unserer Vorfahren, also auch hier aus meinem Lande niemals vergessen werden darf.

 

Ich gedenke GOLDA PRIZNER.

Golda Prizner wurde 1907 in Tek Sarluhy, Tschechoslowakei geboren. Sie war die Tochter von Yitzkhak und Lote. Sie war mit Eliezer Verheiratet. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte sie in Tek Sarluhy, Tschechoslowakei. Während des Krieges war sie in Tek Sarluhy, Tschechoslowakei.
Golda wurde in der Shoah in Auschwitz ermordet.

 

 

 

 

 

26.01.2020

 

"Verhärtete Fronten – EU ringt um Flüchtlingspolitik" lautet der Titel im "Internationalen Frühschoppen" auf phoenix, der aufgrund der Sport-Berichterstattung dort den ausgefallenen "ARD-Presseclub" ersetzt. 

Nationale und europäische Reaktionen auf die erneut zunehmenden Flüchtlingszahlen gerade auch in den Auffanglagern auf griechischen Inseln in der Ägäis werden diskutiert. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren stellen nun nicht mehr syrische, sondern afghanische Flüchtlinge den größten Anteil der aus aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa strömenden Menschen dar.

"Fluchtursachen" werden nur am Rande erwähnt. Dass viele Afghanen verständliche Angst davor haben, erneut zwischen die Fronten zu geraten, diesmal im Falle eines westlichen Truppenabzugs zwischen IS und Taliban - das bleibt wie so vieles ein "blinder Fleck". Die Geschichte hinter der Geschichte auch  inzwischen mehr als 18 Jahre nach der westlichen Invasion bleibt verborgen. Eine spätestens seit dem Staatsbankrott 1955 anhaltende Geschichte "zwischen den Fronten" der Systeme. 65 Jahre also, während der Begriff des "gescheiterten Staates" von den Politik-Wissenschaften erst vor rund 30 Jahren definiert wurde. Und: dass es seit rund 40 Jahren wechselnde "heiße Kriegsgeschehen" im Lande gibt, das scheint man auf dem "alten Kontinent" Europa gleichfalls lieber nicht wahrnehmen zu wollen.

So geht es hier in erster Linie um verwaltungstechnische Reaktionen zwischen deutscher EU-Präsidentschaft und türkischen, griechischen, süd-, ost- und mitteleuropäischen Nationalinteressen. 

 

Afghanistan gehört inzwischen zu den völlig vergessenen Kriegen. Ein weiterer "Kollateralschaden verdrängter Geschichte". Dass man einen solchen Krieg alleine mit Hämmern und Nägeln niemals gewinnen konnte und "der Westen" zwangsläufig auf diese Art niemals das erforderliche Vertrauen dort bei den Menschen gewinnen konnte - dies vermag man kaum noch auszusprechen. Die verwaltungstechnische Abwicklung eines nicht gewonnen Krieges von europäischer Seite erzeugt so einmal mehr einen "blinden Fleck". Es erfüllt einen, der dort war und immer wieder auf erforderliche Veränderungen hingewiesen hat mit Scham. Und mit Zorn. 

"Im Westen nichts Neues" also. 

Es fragt sich aber auch: wie viele "blinde Flecken" und wie viel "schlechtes Theater" darum halten immer fragilere Staaten und ihre immer weiter fragmentierten Gesellschaften aus, bevor sie sich bewegen?

In welche Richtung auch immer.

 

 

 

 

25.01.2020

 

"Partizipation" erfordert mehrere Bewegungsrichtungen: a) "Top-down" gilt es, den "Willen zur Mitsprache" zu fördern. Die an den Hebeln für Entscheidungsprozesse Sitzenden fordern also die bisher als "Konsumenten" und "Verbraucher" entsprechend per se als "passive Elemente" deklarierten Mehrheiten der Menschen an einem jeweiligen Ort zu "Teilhabe" und "Teilnahme" auf. b) "Bottom-up" erfordert die Bereitschaft zu strukturierter und konstruktiver Zusammenarbeit. Dafür bedarf es der Bereitstellung einer "Grundsicherheit" und dem damit verbundenen "Vertrauensaufbau" bei und mit den Menschen, die ihre passive Rolle als "Konsumenten" nicht mehr hinnehmen wollen. c) Die Steuerung und Moderation zu einvernehmlichen Prozessen der Lösungsfindung bedeutet im Wesentlichen, dass die "Mitsprache" bei beiden Bewegungsrichtungen "bottom-up" wie "top-down" gewünscht ist und gefördert wird. Die Zielrichtung dafür ist eine "Mitte", die als gemeinsame Schnittmenge der jeweiligen Interessen für sich erst einmal gefunden und mühsam ausgehandelt werden muss. 
Ein "mühsamer Prozess" der Entscheidungsfindung, der aber durchaus auch "Spaß und andere Motivationsfaktoren" für sich wecken kann. Und der als Weg zum Ziel natürlich eben auch per se beides ist: Weg und Ziel. Und beides für sich auch nur als "Teillösung" beanspruchen kann. 
Dies jedoch durchaus exemplarisch und beispiel- oder modellhaft. 

Insbesondere bei Verfahren der Raumplanung, also der Stadt- und Regionalplanung. Auch hier einmal mehr auf verschiedenen "Maßstabsebenen". Die Themen Klimawandel, Resilienz und Klimaanpassung auch im Ausbau von Infrastrukturen aller Art und somit dann auch der Zukunftsfähigkeit von kulturellem und zivilisatorischem Erbe spielen da eine essentielle Rolle. 
 

Ein solcher gemeinsamer Prozess der Entscheidungsfindung definiert per se Artikel 20.2:
"Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." und Artikel 21.1
im deutschen Grundgesetz:
"Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit" für sich neu. 

Die Rolle der "Moderation" wird vom parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren ins Alltagsgeschäft der Bürger versenkt. Diese Rolle der Moderation erfährt als "Mediation von unten" aber auch eine erhöhte Anerkennung. Die Bürger, die im Zuge der "Politik-Verdrossenheit" vielfach als "Wutbürger" nicht mehr als "weiche Faktoren" in vielen Entscheidungsprozessen wahrgenommen werden wollen sind dabei genauso gefordert wie die Parteien als Hauptverantwortliche in politischen Willensbildungs- und parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren. 

 

"Partizipation" erfordert also zur Bewältigung vieler Fragen von "Zukunftsfähigkeit von Staat und politischer Kultur in globalen Netzwerken" auf allen Ebenen und in allen Teilbereichen des Rechtsstaates und des gleichfalls darin immanenten Föderalstaates zu allererst eine Bewegung aufeinander zu. "Volk und Parteien" müssen einander besser zuhören lernen. Dafür bedarf es erst einmal der Anerkennung von Übersetzern und deren Programmen. Programme aber auch, die Verdrossenheit und Unverständnis von beiden Seiten zu kanalisieren vermögen. Die somit aber auch als Brückenbauer, die tiefe Abgründe negativer Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern auf beiden Seiten überwinden wollen zu allererst einmal institutionalisierte Anerkennung und Legitimation erfahren müssen. 

 

 

24.01.2020

 

"Wertschätzung" ist eine realistische Größe eines WIR, das dem oft unverstandenen Anderen und der Fremden darin mit Respekt gegenübertritt. Dieser "Respekt" ist dabei nur bedingt direkt abhängig vom eigenen Wissens- und Erfahrungsschatz. Sein Um- und Erfassungsvermögen, der Raum, den der Respekt also umgreift, ist wesentlich beeinflusst durch frühes Erfahrungswissen, das Vertrauen auf- und weiter gebaut hat. Auf der anderen Seite der Skala gibt es auch frühes, dann bald immer weiter wachsendes Misstrauen, das den Aufbau von tragfähig konnotiertem Erfahrungswissen immer mehr zerstört hat. Das menschliche Bewusste und Unbewusste schafft sich so seine Räume. Handlungs- und Spielräume, die die Art, wie WIR der Fremden und dem Anderen gegenübertreten bestimmen. 

"Neugier" ist dabei ein ganz wesentliches Thema. Das "Interesse" am Anderen und dem Fremden als "Dazwischen-Sein" schließt letztlich mich selbst mit meinem Erfahrungswissen ein. ICH bin bedingt durch den anderen und deren DA SEIN. Ohne ihn bin ich nicht wirklich da in dem Moment unserer Begegnung. Ohne sie gibt es auch kein Bild von ihr in meinem Bewusstsein. Meiner Seele.

 

Wie sehr dies standardisierten Allgemeinplätzen und Vorurteilen nationalistischen, religiösen und anderen Ursprungs widersprechen kann, zeigt sich beispielhaft an einer Umfrage in einigen muslimischen Ländern. Diese Erhebung hat zu Tage gefördert, dass die Bevölkerung des Iran vier Jahrzehnte nach der Revolution der Mullahs dort die am weitesten säkularisierte Bevölkerung ist. "Leben im real existierenden Islamismus - In den vier Jahrzehnten nach der Revolution 1979 hat sich der Iran verändert: Die traditionell religiöse Bevölkerung ist heute die säkularisierteste im Nahen Osten." Das verblüfft viele Menschen, die die eigene Realität fernab der Regierungswirklichkeit im eigenen Lande nicht zu übertragen wissen auf andere Länder. Und andere Menschen. Auch wenn diese vielfach und immer wieder als "der Feind" deklariert werden. Die zudem kaum wahrhaben, wie ähnlich die Systeme der Unterdrückung überall sind. Wie die Machthaber überall eigentlich ihre jeweilige Machtdoktrin instrumentalisieren. Auf verschiedenen "Maßstabsebenen", mit entsprechend verschiedenartigen Ausprägungen. Sei es nun die Religion, das "Marktkonforme" in der Demokratie, sei es sonst ein irgendwie manifestierter Staatsdünkel. Eine einseitig ausgelegte Erzählung, die das Herrschen der Herrschenden festigen soll. Überall entfremdet das viele Menschen von ihren in Machterhaltung und Besitzstandswahrung erstarrten Regierungen. Im Iran, in den meisten europäischen Ländern, in den US und sonst wo. Perspektiv- und alternativlose Herr- und Frauschaften, die den Schatten ihrer Machtausübung lieber verbergen. 

Es deckt sich aber weitläufig mit allem, was ich erlebt habe mit persischen, oder aus dem Iran stammenden Freunden und Kollegen. Und mit vielen anderen sehr frei denkenden und handelnden Menschen. Nicht nur dort. Die härtesten und zugleich auch subtilsten Formen der Unterdrückung fordern auch die klügsten Formen des Widerstands. Bis dann die Unterdrückung sich selbst abschafft. 

Hoffentlich. 

 

 

23.01.2020

 

"Zuversicht" und "Sicherheit" auch des eigenen Selbst werden in erster Linie durch "Selbst-Abgrenzung" des eigenen Ich, des eigenen Wissens, der eigenen Erfahrung erzeugt. Der Akt des Gewinnens von "Sicherheit" wird jedoch zum zunehmend passiv erlittenen Verlust, wenn Wissen und Erfahrung des "Selbst-abgrenzenden Ich" nicht mehr geteilt werden. Wenn Bezugspersonen und -rahmen aus welchen Gründen auch immer verschwinden. Reflektionsebenen und Projektionsflächen werden so zu fragmentierten und immer weniger les- und erkennbaren Zeichen.

Der aus allen Versuchen, wieder im Job Fuß zu fassen heraus gefallene, bald obdachlose Freund, die schlaflos in ihrer Wohnung verschanzte Flüchtende mit den beiden kleinen Söhnen auf der anderen Seite des Ozeans: ein WIR findet so kaum noch zueinander. Dennoch ist das WIR die einzige Chance, UNS wieder Zuversicht und Sicherheit zu geben. Ein WIR findet sich nicht in der alles und alle ab-,aus- und eingrenzenden "Schattenwelt der Konkurrenz" sondern allein im Willen zur Kooperation. In der aggressiv bis regressiv agierenden Verdrängungssemantik des stetigen Post-, besser: Intra-Traumatischen, das da die dünne Decke der Zivilisation noch blickdicht erhält, ist für das WIR so kein Platz. 

 

Christoph Schlingensief erzählt davon und von vielem mehr in einem Interview mit Katrin Bauerfeind im Jahr 2008. Als er im August 2010 starb, war ich in San Francisco bei der Geburt meines ersten Sohnes. Christophs Tod hat mich zuerst in tiefe Trauer gestürzt. Andererseits: so einer bleibt.
Das zeigt dieses Interview mehr als alles andere.

"Wenn Gott 'n Künstler ist, dann hat er da schon einige Versäumnisse."
Vielleicht. Vielleicht sind's aber vielmehr unsere eigenen Versäumnisse, die wir als 
Straßenfeger, Künstler, Kopf-,Hand-,Fußwerker am Bau und im Büro, Krankenschwestern und -pfleger und an so vielen Stellen mehr bearbeiten müssen. Danke.

 

 

 

22.01.2020

 

"Maßstabsebene" ist da ein weiterer Begriff, der sicher weiter gehender Erläuterungen bedarf. Auch etwa im Wechselspiel mit Themen wie "Beratungsresistenz". Denn auch solche Phänomene spielen sich auf verschiedenen Ebenen ab. Auf der persönlichen wie auf der Ebene von Gruppen, Gemeinschaften und Staaten und deren Gesellschaften. Und eben auch von Generationen. Von kommunizierenden oder eben nicht im positiven Sinne miteinander kommunizierenden Mengen oder Punkten, also einzelnen Elementen. "Individuen" also in diesem Falle, wenn wir menschliche Gesellschaften und den Umgang darin untereinander hier nehmen.
Fokussieren wir jetzt einmal den Blick auf die Generationen.

Karl Mannheims 1928 geprägte Begrifflichkeit der "gemeinsamen Generationserlebnisse“ steht dem ständigen Wechsel von Generation X, Y, Z und anderen medialen Klassifizierungsversuchen von Altersgruppen eigentlich im Wege. Natürlich muss jede Generation ihre eigenen Erfahrungen sammeln. "Selbstbestimmtheit" ist da per se auch gegenüber "Fremdbestimmtheit" sicher ein entscheidender Punkt. Wichtig dabei ist jedoch, neben allen Brüchen auch die Kontinuitäten im Wandel aufzuzeigen. Den Austausch von Erfahrungen zwischen den Generationen zu fördern. Das bedeutet dann auch, dass eine Erzählung nicht nur die abgrenzenden Unterschiede aufzeigt, sondern vielmehr auf das Finden von Gemeinsamkeiten abzielt. Dann finden sich irgendwann erstaunliche Schnittmengen zwischen ganz verschiedenen Altersgruppen und ihren Lebensentwürfen. Ihren Wünschen und Sehnsüchten genauso wie den Realitäten, mit denen sie konfrontiert waren oder sind. Abgesehen davon: wir werden alle älter. Unsere Lebenserwartung steigt. Für einen alternden Menschen, der viele "Generationserlebnisse" mitten drin und später auch eher von draußen betrachtet hat ist nichts wichtiger als Gegenmittel gegen Demenz und Alzheimer und andere gravierenden Alterserkrankungen als diese Erfahrung mit den Nachgeborenen teilen zu können:
"Es geht weiter. Und es wird gut sein."

 

 

21.01.2020

 

"Beratungsresistenz" ist eigentlich so etwas wie die "kleine demokratische Schwester" der "Ignoranz unter stetiger Strafandrohung" der oligarchischen Herrschaftsformen bis hin zur offenen Tyrannis. Nur bei den oligarchischen Frauschaftsformen wird dann nicht mehr nur gemeuchelt, sondern dort werden auf offener Bühne die Widersacher diskret und trickreich gemetzelt.

Da aber alle für sich "demokratischen Charakter" beanspruchen und darauf vertrauen, dass ihre eigenen Meucheleien a) niemals herauskommen oder b) sofort mit dem Fingerzeig auf andere Tathergänge und per se - den Feind hinweisen, spielt c)"Beratungsresistenz" heutztage in "demokratischen Prozessen" eine weitaus größere Rolle, als einem lieb sein kann. 

Die ewige Gegenwart der Kakophonie des alltäglichen Geschwätzes bildet da das Rauschen, hinter dem alles verschwindet. Erfahrungen aus fehlerhaften Verfahrensweisen der Vergangenheit können und dürfen nicht sein, weil a) die Vergangenheit per se im Besitz der Gestalter des Rauschens ist und b) diese Fehler das Grundrauschen zu sehr stören könnten. C) Der Feind könnte von dieser Schwäche profitieren. Und der sitzt überall. Auch im eigenen Nacken. 
Fehljustierungen am Volksempfänger, also Momente, in denen die Kakophonie allzu schräg und bisweilen gar ohrenbetäubend daherkommt, müssen sogleich durch neue  Stakkatos  - crescendi sforzandi bis hin zu fortissimi ausgeglichen und überspielt werden. Auch durchaus einem "gesunden Menschenverstand" entspringende Wohlklänge werden dann eingestreut. Im Amoklauf jedoch des stolpernden Grundrauschens greift dann die "Beratungsresistenz" der Lauscher der statistisch-empirischen Werte am Volksempfänger. Die beamteten Erfüllungsgehilfen des demokratischen Prozesses sind ja auch nur Menschen. Und sie horchen halt auch weg, wenn's ihnen zu viel wird. Hoch dotiert. Aber die hinter der Drehtür verborgene 
"Ignoranz unter stetiger Strafandrohung" in der "freien Wirtschaft" verspricht ja noch viel mehr. Insofern ist "Beratungsresistenz" auch eine große Zukunft versprechende "Zier demokratischer Bescheidenheit".

 

 

 

20.01.2020

 

 

 

 

"Ein Baum, der den Himmel berühren will, muss seine Wurzeln in den Boden hinein verlängern.
Je mehr er nach oben strebt, umso weiter muss er nach unten wachsen.

Um also im Leben aufzusteigen, müssen wir bodenständig, demütig & dankbar sein.

 

Guten Morgen".

 

Das hat mir einer meiner wichtigsten Partner und Freunde in Kabul geschickt, nachdem ich 
am Vorabend einmal mehr eher (ver-) zweifelt war nach einem weiteren frustrierenden Verhandlungsverlauf. 

 

(De-)mut erfordert viel mehr Mut.
Über den Tellerrand hinauszuschauen. Und darüber hinaus zu gehen. Und mehr.

Den Krieg zu beenden und Frieden zu erkämpfen erfordert zu allererst diese (De-) Mut.
"De-Mut" - als Übersetzung für "humbleness" hat auch nichts mit "Erniedrigung" , im Englischen "humiliation" zu tun. "De-courage" wäre eine bessere Übersetzung. Um zur "De-courage" zu kommen erfordert es erst einmal, überhaupt Mut zu entwickeln. Und zu zeigen. Die ängstliche Deckung der Machtpolitik von Militärstrategen zu verlassen. Sich auf die Erinnerungen der Vorfahren einzulassen. Diese mit Stolz und Ehre würdigen. Ohne diese "De-Mut" werden die Kriege in Libyen, im Jemen, in Syrien und an anderen Orten im Nahen und Mittleren Osten ewig andauern. Und sie werden zum Scheitern nicht nur dieser Staaten führen.

 

Vergesst niemals Afghanistan und sein Volk!

Überstrapaziert niemals die Leidensfähigkeit stolzer und ehrenhafter Völker!

 

 

 

19.01.2020

 

Von Weißen Elefanten, Hämmern und Nägeln

 

In „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschreibt Paul Watzlawick eine schöne Szene:

Ein Mann steht an einer Straßenecke und klatscht in die Hände. Ein anderer Mann kommt vorbei und fragt ihn, warum er das tue. Er antwortet:

„Ich vertreibe die Elefanten!“

Der andere Mann sieht sich um und sieht dann wieder den Klatschenden an:

„Aber hier sind doch gar keine Elefanten!“

Der immer noch Klatschende antwortet:

„Na eben!“

 

„Wenn das einzige Werkzeug, das man hat ein Hammer ist, dann muss jedes Problem ein Nagel sein.“

 

Weiße Elefanten sind so ungefähr das, was Rufer in der Wüste sehen. Die Kassandra, deren Warnungen ungehört bleiben ist so eine Ruferin in der Wüste. Der Fluch des Apollon verdunkelt das Licht.

 

In Zeiten, in denen ein Schritt durch eine flache Pfütze schon den Verlust eines Beines nach sich ziehen kann, wimmelt es nur noch von weißen Elefanten. Wenn der Fehltritt in das dunkle Nass einem schon nicht den Verstand, sondern „nur“ ein Bein raubt, dann sollte da noch Anlass auf Hoffnung bestehen.

Wenn auch die Pfützen nicht mehr gesehen werden, weil man Angst hat, dass der Fehltritt den Job kosten könne, dann ist die Wüste nicht mehr fern.

 

Bäche und Flüsse verrinnen und trocknen aus. Der Fluch des Apollon kann dann ewig dauern.

 

 

18.01.2020

 

Nach vielen Dingen, die ich angestoßen und angefragt und gewollt habe im alten Jahrzehnt, führe ich nun eine Seite hier als "mein Tagebuch in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts" weiter. "Freude schöner Götterfunken" aus Beethovens Neunter und die "Melancholie der grenzenlosen Traurigkeit" der Smashing Pumpkins treffen sich dort. Die Zehnte Sinfonie ist ja seit dem Bonner Wiener der Schrecken eines jeden Komponisten. Eine Schallmauer für Gehörlose. Hier wie dort.
Ob mein Gemüt da bei diesen täglichen Befindlichkeitsaufnahmen alleine ist - das weiß ich nicht. Das tut auch kaum was zur Sache. Die Kartografien verwundeter Seelen mögen manche Wahlverwandtschaften zeigen. Kann und wird manche(r) vielleicht entdecken. 

Das Ganze werde ich auf Deutsch und Englisch verfassen. Italienisch und Farsi, besser Dari, die ich als Sprachen genauso liebe - das kriege ich zeitlich nicht hin. Letztlich ist so ein Tagebuch auch ein Vertrauter. So etwas wie ein Gebet. Etwas Vertrautes. Tief Vertrautes. Und ein Gebet dient dazu, die Seele rein für den Tag zu machen. Den Schmutz, den der Schaum der Tage nicht wegwaschen kann.