Sichtbarkeit von Vermittlungsebenen:
Organe und Instanzen zum Vertrauensaufbau
Inhalt:
a) Intern: die Wohnungskrise und die Bauwende (n)
SozialvertrÄgliche Wohnraumaktivierung im Bestand (SWIB) und
Proaktives Stadt- und Regional-Management im Quartier (PSuRMiQ)
b) Überwindung von externalisierter Unsichtbarkeit und Desinteresse
c) Von der Neoklassik mit schöpferischer Zerstörung
zur Commons-basierten Geoklassik
Verlags- und Akteurs-Netzwerksuche, also auch Umformatierung dieser
Blogeinträge von 05 / 2025
bis jetzt, 01 / 2026 ist im Gange. Danke an alle interessierten Leser bisher. Hoffentlich sind eben diese
Blogeinträge bald dann auch als Print-/ Buchveröffentlichung und E-book erhältlich. Ich arbeite dran.
a) Intern: die Wohnungskrise und die Bauwende (n)
Am 15. Januar 2026 drucken mehrere Medien eine dpa-Meldung über eine von „Bündnis Soziales Wohnen, einen Zusammenschluss des Deutschen Mieterbunds, der IG Bau, der Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau und anderen Organisationen“ beauftragte Pestel-„Studie: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen“. 1
Im Rahmen der vielen sozio-ökonomischen Verwerfungen werden sowohl die maßgeblich benachteiligten Gruppen: „die junge Generation bis 25, ältere Menschen und Behinderte“ 1 auf „freien Märkten“ genannt, als auch die makroökonomische Perspektivlosigkeit in Wegen aus der Rezession dargestellt. Geographisch-/ föderal ist die „Wohnungskrise“ „im Westen größer als im Osten“ 1 wegen der „starken kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungswirtschaft in den neuen Ländern.“ 1 In den „beiden größten und bevölkerungsreichsten Bundesländern“ 1 NRW und Bayern ist der Mangel am größten. „Die Berechnungen basieren auf Daten der Statistischen Ämter. Zwar steht in Deutschland geschätzt auch eine siebenstellige Zahl von Wohnungen leer. Doch deren Wiedervermietung würde nach Einschätzung des Pestel-Instituts das Wohnungsproblem insbesondere im Westen nicht lösen, da der Leerstand in jenen ländlichen Regionen am höchsten ist, in denen auch der Bedarf geringer ist.“ 1
Innerstädtische Leerstandsraten scheinen also eher nach „vagen Schätzgrößen“ ermittelt zu sein. Das Thema wird per se tendenziell so eher marginalisiert und dem Zentrum-Peripherie- / Stadt-Land-Konflikt im weitesten Sinne zugeordnet. Potenziale von Umnutzungen etwa von leerstehenden Gewerbeflächen und darin explizit auch Büro- und Verwaltungsgebäuden oder von Baulücken und anderen Bestandsertüchtigungen und -aufstockungen scheinen da gar keine Rolle zu spielen. Die entsprechende Expertise raumbildender – urbaner und architektonischer Praxis: Projekt- und Stadtentwicklung und dem zugrunde gelegte Potenziale scheinen da völlig außen vor zu sein. Zumindest entsteht so unweigerlich der Eindruck. Auch die Potenziale für hier schon dargestellte und aufskizzierte „Neu-Formationen von Genossenschaften“ besonders im Westen, aber durchaus auch im Osten: diversifizierte und weiter adaptiv transformative und transdisziplinäre Lösungsansätze scheinen da nicht gefragt. Vielleicht aber braucht es gerade diese?
In Sachen Leerstand und Zweckentfremdung von Wohnraum, aber eben auch im Hinblick auf solche Umnutzungen wäre eigentlich viel mehr gesellschaftliche Kooperation erforderlich. Die Linke in Köln hat mit einer jüngst im Rat der Domstadt beantworteten Eingabe zumindest einmal die Offenlegung von Leerstandsraten in den einzelnen Veedeln / Kiezen / Quartieren der Stadt erreicht.
§ 12 Zweckentfremdungssatzung
2 ist NRW-Landesrecht. Ähnliche kommunale Satzungsinhalte gibt es in allen Ländern in West- und Ostdeutschland.
Auch Grüne und ganz besonders SPD sollten eigentlich mehr Interesse daran haben, die Themen der Wohnungskrise nach vorne zu bringen. Und Experten, zu denen auch Architekten und ihre Berufsverbände Architektenkammern gehören, sollten gleichfalls an schlanken und pragmatischen Lösungsvorschlägen interessiert sein.
In einem Artikel aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 12.01.2026 heißt es dazu, "In etwa der Hälfte aller Fälle sind Umbaumaßnahmen der Grund für längerfristigen Leerstand." 3 Das betrifft also in dem einen Fall Fachkräftemangel, in anderen Fällen vielleicht auch langfristige Verschleppung von Baugenehmigungen. In wieder anderen Fällen den Eigentümer - Nutzer- Konflikt, der bei ca. 53% Mietwohnungsanteil am gesamten Bestand von Wohnungen in Deutschland unvermeidlich ist.
Die Themen
Bestandssanierung, Modernisierung, Gebäudeenergiegesetz (GEG), Energiewende und
Förderung von
Maßnahmen spielen maßgeblich in diese Bereiche hinein. Zumal bei
Kleinteiligkeit auch von
Streubesitz auf dem jeweiligen örtlichen
Wohnungsmarkt. Und
Überforderung von Bürgern. Seien sie auf der vielseitigen und vielschichtigen
Eigentümer-, seien sie auf der nicht minder komplexen
Nutzer-Seite der
Konflikte.
Bestandssanierung und weitergehend
Bestandsmobilisierung, also auch Innenentwicklung vs.
Außenentwicklung =
Flächenfraß erfordert zunächst einmal 1.
Bestandsermittlung, numerisch und qualitativ und 2.
Kostenschätzung für Aufwendungen.
Mediation und
Quartiersmanagement könnten zumal in Sachen
Haftung, dem großen Problem, das nicht nur
Architekten und
Architektinnen haben da einige
Prozesse verschlanken.
Man muss nicht Jeremy
Bentham 4 und Richard Rorty 5 oder andere gelesen haben, um eine Ahnung davon zu haben, dass
„Zerstörungslust“ 6 in politischer Willensbildung kritisch für den
Souverän der
Demokratie und die Demokratie als solche per se ist.
Friedrich Nietzsche und die
„Einstürzenden Neubauten“ sagen, dass Zerstörung nichts Negatives sei. Man müsse zerstören, um zu bauen.
7 Da ist was dran. Die existenzielle Dimension des Planens und Bauens per se indes, wie Paul Valery und Adolf Loos und viele andere bis hin zurück zu Vitruv sie betonen,
scheint uns irgendwie abhanden gekommen zu sein. Das betrifft auch Staat und Gesellschaft und unsere Verortung darin. Die
Wohnungskrise jedoch geht für immer mehr Menschen ans Eingemachte.
Die Bauwende schreiben alle irgendwie auf ihre Fahnen.
UmBAUwendenWeiterBAUdenken + handeln indes geht weiter. Und erfordert
Paradigmenwechsel, die auch aktiv verfolgt werden.
Unter „Eigentümer am Pranger“ werden der „angespannte Wohnungsmarkt“ 8 in der kreisfreien, rund 48.000 Einwohner zählenden Stadt Landau in der Pfalz und die Maßnahmen des dortigen Oberbürgermeisters in dieser Hinsicht dargestellt. Es erstaunt, dass auch in einer solchermaßen regional, eher im ländlichen Raum gelegenen mittelgroßen Stadt dieser Größe überhaupt ein solchermaßen „angespannter Wohnungsmarkt“ 8 in dieser Art entstehen kann. „Über dem regionalen und nationalen Durchschnitt gelegenes BIP pro Kopf“ 9 und weitere ökonomische Eckdaten, sowie Studentenzahlen 10 indes helfen da eher, lokale stadtökonomische Realitäten und Gründe für Aufspaltungen und sich vertiefende (Chancen-) Ungleichheiten, die sich „unter gegebenen Umständen“ sozusagen “naturrechtlich neoklassisch unvermeidbar auswirken“ zumindest erahnen zu können.
Der „Ökonom Konstantin Kholodilin warnt vor Folgen der Wohnungsnot“ 11. Der „Anstieg der Nettokaltmieten in Deutschland laut aktueller Untersuchung von seiner Seite um rund vier Prozent“ 11 und sein Verweis auf den „Bauturbo“, der noch Zeit zur Entfaltung seiner Wirksamkeit bräuchte und „weniger Regulierung“ 11 als Patentrezept, um Anreize zu schaffen: Warum werden die mit der Umsetzung betrauten Architekten und Stadtplaner nicht gemeinsam mit Soziologen zu Potenzialen der Bestandsmobilisierung gefragt? Warum werden die Daten zu Leerständen nur geschätzt und dann auch sogleich verworfen? Warum werden Lösungsansätze, die im Regulierungsdschungel zwischen Bund, Ländern und Kommunen, Flächennutzungs- und Bebauungsplänen und sie bestimmenden Gemarkungen und Eigentumsrechten und ebensolchen Pflichten zwischen privaten und öffentlichen Interessen, die letztlich Grundlage von Planungen und Bedarfsermittlungen, aber auch von Haftungsansprüchen und -wirklichkeiten sind nicht thematisiert?
Dazu indes soll es hier konkret weitergehen. Mit entsprechenden Initiativen, die auch im größeren Maßstab die dazu erforderlichen Datenerhebungen und Potenzialermittlungen anregen sollen.
*
Wir befinden uns inmitten von großen Herausforderungen. Der Bausektor und die damit verknüpften Infrastrukturen nehmen darin große Segmente ein. Im nationalen, wie im globalen und planetarischen Sektor, wo die globale Erderwärmung uns als menschliche Spezies vor so nie gesehene Herausforderungen stellt. Die schon dargestellte zunehmende (Chancen-) Ungleichheit allerorten kommt da noch maßgeblich dazu. Diese Aufgaben in Um- und Weiterbau von Städten und Regionen in dieser Hinsicht zu koordinieren indes ist eine Herkulesaufgabe mit und zwischen vielen verschiedenen Wissenschaften und ihren Zweigen. Und mit Arbeiter*innen, Kolleg*innen, die Planungen auch ausführen. „Kopf-, Hand-, Fuß- und Herzwerker*innen“ 12, die diese Themen also weiter manuell und digital gestalten. Bürgern, die Lebensräume mit Aufenthaltsqualität auch mitgestalten wollen. Partizipation als bottom-up geforderter Anspruch der Teilhabe der Bürger wird da nicht als „Teile und Herrsche – divide et impera“ 13 verstanden, sondern als „Teile und ermögliche autonome Selbstbestimmung“ im demokratischen Sinne.
Die damit für viele aufkommende Frage, ob Architektur per se politisch sei indes ist für mich eher sekundär. Ich sehe darin vielmehr grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit und die daraus resultierenden begründeten Begehrlichkeiten im alltäglichen Zusammenleben vertreten.
SozialvertrÄgliche Wohnraumaktivierung im Bestand (SWIB) und Proaktives Stadt- und Regional-Management im Quartier (PSuRMiQ)
Das können solche programmatischen Headliner und die entsprechenden Organe und Körperschaften sein. Sein und werden. Schulen als Community-Center: dazu könnten mit dem örtlichen Schulverwaltungsamt und Student*innen selbst einige Schulen ausgewählt werden, wo die Themen der Entsiegelung und Begrünung der Schulhöfe gemeinsam mit der Multifunktionalität der Anforderungen von Schulen als Lern- und Lehrzentren, bei Grundschulen zudem als Familiengrundschulzentren heute auch in Zusammenarbeit mit Landschafts- und Innenarchitekten ausformuliert werden. Präsentation und Ausstellung der Arbeiten der Studierenden nachher in und mit den jeweiligen Schulen und den Schüler*innen als wesentlicher Teil der Jury: das versteht sich von selbst. Die Neudefinitionen zudem von Nutzungs- und Aneignungsgrenzen zwischen öffentlichen, privaten und dazwischen-liegenden Räumen indes im Rahmen der Transformation von Schulhöfen als „Bildungslandschaften“, die zudem Grenzen und Übergänge zwischen ursprünglich grauen, dann auch grünen und blauen Infrastrukturen neu fassen: das ist die eigentlich „nachhaltige Herausforderung“. Eine von vielen, die hier jetzt weiter vertieft vorentworfen und angerissen werden sollen.
Im Rahmen von Quartiersmanagement zur Wohnraumaktivierung im Bestand: Bedarfs- und Zukunftsorientierte Sozialräumliche Planung sollten weiterhin auch Konzeptausarbeitungen für Reallaborstudien in und mit einzelnen Quartieren und Nachbarschaften erfolgen.
Ausgangslagen
Erste Antworten
und detailliertere
Ausgangslagen:
Kommunen sind mit Steuern und Regulierung von Planung und Ausführung vor Ort beauftragt. Sie sind aber auch stetig mit Mangel: „Schuldenbremse“ und „Unterfinanzierung“ konfrontiert.
„Konkurrierende
Gesetzgebung“: Konflikte zwischen Bund und Ländern können so kaum wirklich vermittelt und gelöst werden. Die Kommunen sind als Ausführende damit tendenziell eher überfordert.
Überschaubarkeit
von Einsatz-
möglichkeiten: Städtische und regionale Quartiere / „Kieze“ und „Heimatorte“ bis ca. 100.000 Bewohner sind kontextuell interaktiv mit hier weiterhin dargestellten Instrumenten und Körperschaften im Netzwerkverbund mit bestehenden Organen besser sozialräumlich nachbarschaftlich steuerbar.
Zensus 2022: 82,7 Mio. Bundesbürger, 78 Städte über 100.000 Einwohner.
Ziele Steuerung der inter-/ transdisziplinären sozialvertraglichen Wohnraumaktivierung zur Interessenausgleichenden Beschleunigung der Gewinnung von bisher unter- oder fehlgenutzten Gebäuden für die Märkte und letztlich für die Gesellschaft. Das betrifft besonders auch öffentliche soziale / quartierseigene Infrastrukturen wie Schulen. Um- und Weiterbau des Bestandes auch zur besseren Performance beim Erreichen von Klimaneutralität der Baubranche. Erzielen von Synergieeffekten dabei.
1 Wärmewende: Eigentümer-Nutzer-Ausgleiche in innerstädtischen Blockrandbebauungen, im Blockinneren und in anderen städtischen und regionalen Siedlungsformen mit häufig divergierendem Streubesitz zur Ermöglichung von Blockheizkraftwerken. Transparentes Forcieren des dezentralen Ausbaus von Fernwärmenetzen zum Überbrücken von Engpässen bei Erneuerbaren Energien und als Backup bei den so genannten „Dunkelflauten“ bei Erneuerbaren Energien. Schulen einmal mehr als Modell-/ Pilotprojekte.
2 Energiewende: Offensive Förderung von Dachsanierungen / -ertüchtigungen / -Aufstockungen zur Ermöglichung von Solaranlagen im genossenschaftlichen Verbund. Schulen in allen Punkten hier als Modell-/ Pilotprojekte.
3 Neuformation von
Genossenschaften: Prüfung der Ablösung der Dachflächen als Solarertragsflächen von der im Verkehrswert ermittelten Gebäudesubstanz und Aufgehen in Energie-Genossenschaftsfonds. Installation gemäß mancherorts bereits vorhandenem oder noch begleitend zu erstellendem Solarkataster. Kontinuierliche begleitende Investitions- und Ertragsevaluationen.
4 Schwammstadt: Gegenprüfung und Abwägung von Dachflächenbegrünung und Solarnutzung in erweitert zu betrachtenden Versickerungsräumen. Entsiegelung und punktuelle Begrünung mit entsprechenden Flächen- und Funktionsausgleichen im Um- und Weiterbau von Stadt und Quartier bis hin zur Region. Schulhöfe als quartierseigene, mit den Schülern selbstbestimmt zu er- und bearbeitende Keimzelle darin. Einmal mehr.
5 Starkregen: Rigolensysteme als zusätzliche (Siedlungs-) Flächenentwässerung mit hoher Gefälleausbildung zu Seen und Überlaufbecken / Teichen mit Pflanzenkläranlagen insbesondere in kleinteiligen hydrologischen Systemen zwischen Städten und Regionen. Berechnung auch zur Bewässerung bei im Rahmen der globalen Erderwärmung häufiger auftretenden Dürren.
6 Leerstandskataster: Ermittlung von Leerständen durch Immobilienscouts und Kontaktieren der Eigentümer zwecks Ermöglichung rascherer Verhandlungsebenen für Um- und Weiternutzung. Baurechtliche Kompensations- und Ausgleichsformen zwischen privatem und öffentlichem Recht sollen im Einzelfall insbesondere bei kleinteiligem Streubesitz exemplarisch ermittelt und dargestellt werden.
7 Urbane Praxis: als soziales Aktivieren der Bürgerschaften in und zwischen Stadt und Region, um Top-down-Prozessen zwischen Bund, Ländern und Kommunen mit Bottom-up-Prozessen der Stadt- und Regionalentwicklung im Quartier und seinen Nachbarschaften und Organisationen entgegenzuarbeiten. Und so Zusammenarbeit zu erleichtern / zu ermöglichen.
Verfahrensperspektiven:
Bildung autarker Arbeitsgruppen und Datenerhebung in engmaschiger Koordination mit örtlichen Exekutivorganen: Planungsämter und untere Bauaufsichten, Schul- und Jugendämter, Bezirks-/ Quartiers-/ Ortsvertretungen, Energieversorger und Entsorgungsbetriebe, Polizei, religiöse und weltliche Gemeinschaften u.a. Die zunächst damit betrauten Studierenden sollen somit auch die Professionalisierung dieser Organe vorbereiten helfen. Bald sollte es dann Standard werden, dass da pro Quartier zunächst eine Planstelle für eine Fachkraft mit Hintergrund Raumordnung /-planung / Architektur, eine Planstelle für eine Fachkraft aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich / soziale Arbeit, ein Werkstudent und ehrenamtliche Kräfte eingerichtet werden. Auch die Bezahlung der zunächst rund 2 ½ Planstellen von der Kommune / Land / Bund sollte dann entsprechend geklärt sein.
Ein ggf. gestaffelter Einsatzstart: Bundes- und landesweite Ausschreibungen mit Bewerbungsverfahren von Quartieren / Stadtbezirken mit viertel- bis halbjährlichen Verlosungen / Vergabe von zunächst zwei bis drei Quartieren / Stadtbezirken pro Region / Landkreis / Stadt. Begleitende Auswertungen / Monitoring und weitere Verlosungen / Vergaben im fortgesetzten viertel- bis halbjährlichen Turnus: all das kann in solchen hier so benannten universitär kooperativen „Makerspace-Programmen und -Initiativen“ vorbereitet und in die entsprechenden Bahnen geleitet werden.
Mittels inter-/ transdisziplinärer Vorbereitung von entsprechend zu vermittelnden und auszuformulierenden Gesetzesinitiativen sollen zudem Planungssicherheiten für Handwerk und Industrie in Bestand, Um- und Weiterbau von Städten und Regionen geschaffen werden.
Dazu gehört auch das gezielte Anwerben von Fachkräften. Dies sowohl für Handwerk und Industrie, als auch für Care Arbeit. Der Vertrauensaufbau dabei und das damit verknüpfte Lotsen durch komplexe Rechtsräume sowie die Sprachschule, die früh auch mit der Terminologie von Fachbegriffen auf dem jeweiligen Gebiet verbunden werden soll, verdient hier nochmals gesonderte Erwähnung.
Der Sanierungsstau von Infrastrukturen / Commons und Almenden wird hier also vor dem Hintergrund der gesamten (Energie-) Preisentwicklung, insbesondere beim Thema Wohnraum betrachtet. Schulen als Keimzellen zur Vermittlung von Humanvermögen und zum Ausbau gesellschaftlichen Humankapitals nehmen da weiterhin eine zentrale Rolle ein. Dem jüngst vom GdW: Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. veröffentlichten „Praxispfad CO₂-Reduktion im Gebäudesektor" 14 folgend soll ein Umschwenken von „Energieeffizienz durch Dämmung und Sanieren“ zum „Fokus auf die Treibhausgasemissionen“ in Produktion und Betrieb von Gebäuden sozial verträglich und weiterhin den Sozialraum ausbauend darstellbar werden. Das betrifft auch ganz maßgeblich das Thema der Energieversorgung: Wärmepumpe vs. Gastherme und die entsprechende Parametrik bauphysikalischer Bewertungen und Berechnungen.
Urbane und soziale Praxis betrachtet Wohngebäude sowohl als essentielle (private) Freiräume, als auch mit zunehmender Unsicherheit und Verknappung und damit Verteuerung als Schutzräume, die sie für die Bevölkerung beheimaten. Somit als soziale Infrastruktur. Dies soll dazu verhelfen, Synergieeffekte in erforderlichen Interessensausgleichen zwischen Eigentümern und Nutzern im Gewirr von vielfältigen und vielschichtigen technischen und föderal- und bundesrechtlichen (Bau-) Gesetzen, -Normen und anderen Regelwerken und kleinteiligen Besitztiteln und entsprechenden (Rechts-) Ansprüchen und (Rechts-) Wirklichkeiten in Deutschland zu erzielen. Sie fördert also in diesem Kontext maßgeblich Mit- und Selbstbestimmung im Rahmen der Transformation der gebauten „Mitwelt“, um hier einmal mehr einen Terminus von Hannah Arendt zu verwenden.
Umsetzungsdefizite auf dem Weg zur Klimaneutralität der Baubranche sollen smart angehbar und neu verhandelbar dargestellt und ausgeführt werden. Risikomanagement zu Eingrenzung bis hin zur Vermeidung von Daniel Kahnemans „Planungsfehlschlüssen“, also auch mittels des Austarierens von Referenzpunkterwartungen und den daraus resultierenden Optionen, Interessen und Synergien zwischen "Bias" und "Verlustaversion(en)“ sind im Quartier / vor Ort / als Fall- und Reallaborstudie in der unmittelbaren Nachbarschaft besser händel- und darstell- und somit auch vermittelbar.
Schulgebäude werden als Kernpunkte sozialer Infrastruktur betrachtet. Die Schulhöfe können zudem als Startpunkte zur Entsiegelung und Begrünung von Quartieren / Vierteln / Kiezen / Nachbarschaft bespielt werden. Planung und Auslobung, mithin Definition der Rahmen gebenden Eckdaten dafür sollte unter sachlicher und fachlicher Anleitung mit den Schülern im Unterricht begleitend erfolgen. Bildung und weitere Ausformulierung von Sozialräumen soll dabei auch mit Plan- und Rollenspielen zwecks wachsender Selbstbestimmung kombiniert werden.
Erbbaurecht und andere Formen gemeinwohlwirtschaftlicher Bodennutzungsrechte sollen generell modifiziert anwendbar gemacht und rechtsverbindlich vertraglich geregelt werden können. Dies betrifft Siedlungs- und Objektbau und Formierung von Energie-Genossenschaften.
Zudem geht es darum, Vermittlungsebenen zwischen Verwaltung und Planung einerseits und Nutzern und Eigentümern andererseits einzuziehen. Mediation zwischen verschiedenen „Akteurskonstellationen“, die auch ineinandergreifende „Akteurssphären“ zu sein vermögen, erfordert strategische Flexibilität insbesondere im Zuge der Exegese divergierender Regeln, Normen und Gesetze. Anders herum gesagt: Teilhabe und Zusammenhalt beim zeitliche Maßstäbe (in-) dividuellen Lebens sprengenden Klimaschutz erfordern in einer digitalisierten Gesellschaft, die sich irgendwie in Europa in der Welt verorten will und kann in- und extensiven Vertrauensaufbau am Ort, der Lebenswirklichkeit der Menschen daselbst. Wohnungs- und Bildungskrise und Klimaanpassung werden dazu synergetisch im Kontext von Nachbarschaften und Organisationen behandelt.
Letztlich geht es also darum, die diffusen Sorgen, Nöte und Ängste beim Anblick nicht enden wollender Krisen zu überwinden und so proaktiv Willen und Bereitschaft zu Transformation statt Lähmung in zunehmend superdiverse, aber weitestgehend fragmentierte Gesellschaft(en) hineinzutragen. Gesellschaften also, die per se wieder zu Aufbau von Vertrauen und Beziehung statt Misstrauen und Bindungslosigkeit zur Mitwelt geführt werden sollen. Die Mitnahmeeffekte im Zuge von „transversalen Prozessbildung(en)“ betreffen darin die unmittelbaren Lebens- und Wohnwirklichkeit(en) von Menschen aller Generationen vor Ort und ihre persönliche(n) Rolle(n) darin, die sie gemeinsam selbstbestimmt umgestalten können sollen dürfen.
Dies alles kann und soll mit Lehrenden und Studierenden auf-, aus-, um- und weitergebaut werden. Dadurch sollen nicht nur neue Tätigkeitsfelder, auch neue Kontingente der transdisziplinären Zusammenarbeit für und mit den Studierenden, die letztlich so auch die Quartiers-Körperschaften und Vermittlungsstellen vorbereiten, eingeführt und etabliert werden. Und damit verbunden auch zukunftsträchtige Entwürfe von gemeinschaftlich nachbarschaftlicher bis hin zu gesellschaftlicher Selbstorganisation vorbereiten helfen.
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Alles hier Gesagte erfordert Vermittlungsebenen und Dialogfähigkeiten, die derzeit bisweilen versperrt zu sein scheinen. Die Grenzbestimmungen zwischen öffentlichen und privaten Räumen hin zu mehr Porösität und Durchlässigkeit alleine scheinen bisweilen völlige Tabuzonen öffentlichen und privaten Rechts und ihrer Verwaltung zu berühren. Dennoch müssen diese Diskurse dringend geöffnet werden. Auch im Hinblick auf Fördermaßnahmen in der Bestandssanierung, respektive UmBAUwendenWeiterBAUdenken + handeln ist mehr Beweglichkeit und übersetzende Dialogfähigkeit gefordert. Im bauphysikalischen Sinne etwa erfolgen die Berechnungen und Projektbeschreibungen bei BAFA-Programmen, also bundeseigene Förderprogramme vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle 15 nach Hausnummern, während Energieversorger ganze Straßenzüge und Siedlungseinheiten nach Kilowattstunden berechnen. Es bedarf also besser und pragmatischer funktionaler Übersetzungstools. Und mehr noch: des Willens, diese Themen zur besseren Dialog- und (Ver-) Handlungsfähigkeit zu transformieren.
Bei großen Gebäuden mit neuen, gleichfalls bis ins Monumentale gehenden großformatigen Um- und Weiternutzungen wird selten irgendetwas von bestehender Bausubstanz wiederaufgenommen werden können. Umso wichtiger, dass die erbärmlichen Recyclingquoten im Baugewerbe drastisch verpflichtend erhöht werden. Dass Recycling von Rohstoffen aller Arten und Einrichtung von KI-gestützten Materialbörsen auch für die Bauwirtschaft per se forciert werden. Damit wir viel rascher mehr als 10-13% des Mülls wie der Baustoffe und der Bauelemente wieder in Wertstoffzyklen einbauen und so stufenweise einer wirklichen Ressourcen-schonenden Kreislaufwirtschaft den Weg bahnen. Auch da liegt gesamtwirtschaftlich eine Chance zudem für den Erfinder- und Maschinenbau-Standort Deutschland. Da muss aber auch der Gesetzgeber einmal mehr mittel- und langfristig vertrauensbildend arbeiten. Zumal dies auch den Haushaltsmüll und seine sortenreine Sortierung und Wiedereinbau in Wertstoffzyklen betrifft. In diesen Bereichen könnte Deutschland auch wieder dringend benötigte Exportmargen aufbauen in Anbetracht der Fluten von Plastikmüll überall auf der Welt, insbesondere im globalen Süden, der geradezu neu unter anderem auch mit Plastik und seiner mangelnden Entsorgungskapazitäten überspitzt gesagt kolonialisiert wurde. Anreizsysteme zudem für Verbraucher bei der Mülltrennung und -aufbereitung: es gibt so viel zu tun. Dafür jedoch müssen Arbeit und wertvolle Prozesse der Zusammenarbeit auch wieder sichtbar und damit auch wertgeschätzt sein. Digitale wie manuelle, Kopf- wie Herz- und Handarbeit.
Bauprozesse müssen also auch per se, was ihre Ver- und Entsorgungsprobleme von Müll und Schadstoffen und möglichen, pragmatisch wirtschaftlich naheliegenden Grenzdefinitionen enttabuisiert werden. Damit verbundene Kostenschätzungen gemäß etwa der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) 16, die zumal bei öffentlichen Bauten in der Leistungsphase 3 (LP 3) zumeist reduziert sind und dann aber die öffentliche Hand im Rahmen der befürchteten „Kostenexplosionen“ erfahrungsgemäß eher zwischen LP 5-8 massiv belasten: auch da müssen Diskurse und Berechnungsformen endlich transparenter und synergetischer zusammen gedacht und gesteuert und entsprechend zu Handlungsfähigkeit geführt werden.
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Das Sichtbarmachen von Potenzialen und Möglichkeiten geht nur über das Sichtbarmachen von Arbeit. Von Sein und Werden, Machen und Tun im gesellschaftlichen Alltag. Von Räumen und Zeiten. Und die entsprechende Wertschätzung der vielen Akteure dabei, die vorher eher im Dunklen oder im Nebel verborgen sind. Das hier vorliegende Buch kann insofern vielleicht auch als Erweiterung des Buches „„Der unsichtbare Wohnraum“ von Daniel Fuhrhop 17 betrachtet werden. Das wiederum vermag ich nicht zu beurteilen. Hier werden sicher andere, vielleicht auch in den Prozess des Planens und Bauens hineinreichende Annäherungsweisen an Unsichtbarkeiten an den Tag, mithin ins Tageslicht gelegt. Gesetzt. Gestellt. Weitere Hinweise dazu, wie etwa die Mobilisierung von Leerständen im Büro- und Gewerbebau verstärkt werden kann und entsprechend in 2-3-Jahresfristen Umnutzungskonzepte mit entsprechenden Kostenevaluationen vom Gesetzgeber gefordert werden sollten, Zinsvergünstigungen als Prämien bei kleinteiligen, vielleicht gar monatlichen lokalen und regionalen Wettbewerben für die Gewinnung, Umbau und Erweiterung von bestehendem Wohnraum, ausgelobt von entsprechenden örtlichen Kreditinstituten und vieles mehr: wir könnten, wenn wir klüger und achtsamer Menschen und Dinge, in diesem Falle Häuser und Nutzer und Eigentümer von diesen im städtischen und regionalen Raum betrachten und lösungs- und zielorientiert, mithin nachhaltig und gemeinwohlorientiert einbeziehen würden.
Auch die „Bodenwende“ 18, die letztlich nicht erst seit den 1970er Jahren als gemeinwohlorientierte Forderung „von SPD-Politikern wie Hans-Jochen Vogel, Michael Müller oder Norbert Walter-Borjans“ 18 ausgearbeitet und gar von konservativen Zeitgenossen damals wie Franz-Josef Strauß aufgenommen wurde, gewinnt in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Menschen zur Miete wohnt und es nicht nur besonders um „bezahlbaren Wohnraum“, aber auch zunehmend „die ökologischen Wirkungen auf Klima, Biodiversität und Wasserhaushalt“ 18 des „Business as usual“ des Bauens und der Mobilität dazwischen geht dringenden Handlungsbedarf. Der „kulturelle Wandel“ indes und damit postulierte „Zeitenwenden“ werden stetig verschleppt. Auch und vor allem auf Kosten jetzt aufwachsender und erst recht kommender Generationen.
„Zukunftsweisende Projektsteuerung“ und in diesem Kontext „Neu-Erfindung von Lehre und Forschung“ in Zeiten von Digitalisierung und KI benötigen kulturell-gesellschaftlich und sozialgeschichtlich verwurzelten Boden unter den Füßen.
„Adaptive Formen des Entwerfens und Konstruierens“ umfassen in diesem Kontext viele hier dargestellte Themen, die erstarrte Wirtschaftskreisläufe in der Rezession wiederzubeleben vermögen. Die Ermutigung der Bürger und das Ermöglichen von autonomer Selbstbestimmung über vielschichtige und vielseitige Partizipationsmuster ist insofern auch ein Schlüssel für in den planetaren Grenzen im Rahmen der Prämisse besserer Chancengleichheit erzeugtes Wirtschaftswachstum. Dies wurde hier explizit an einer Vielzahl von Themen und Punkten dargelegt. Das Verbinden dieser Punkte aber zu Linien, das Machen also: dahin sollte es jetzt gehen.
b) Überwindung von externalisierter Unsichtbarkeit und Desinteresse
Am 18.01. 2026 jährt sich zum 16. Mal der Tag, an dem ich dafür, dass ich meinen Job gut und richtig machen wollte, fast erschossen wurde. Der afghanische Polizist, dessen Kleinkaliber-Kugel aus seiner Dienstwaffe meinen Schädel knapp verfehlte, hat in dem Getümmel eines klug konzipierten Anschlags der Taliban in Kabul seinen Job gut und gewissenhaft erledigt. Manchmal sage ich, ich habe bereits sechs von sieben möglichen oder mir zur Verfügung stehenden Leben verbraucht. Die genaue Zahl kann ich so nicht bestimmen. Es handelt sich eher um „transzendente Annahmen“. Gleichwohl soll man bedingungslos in der Unsichtbarkeit von Verwaltungsmentalitäten stehen und verharren. Menschen, die alle Schüsse nicht hören und nicht gehört haben wollen. Und meinen, daraus das Recht abzuleiten, mir und uns so die Welt verklären zu müssen in ihrer eigenen, auf viele Schultern in ihren Reihen verteilten bedingungslosen Verantwortung(slosigkeit).
Vor wenigen Tagen erhielt ich die Info vom Kollegen Kassem Taher Saleh, kurdisch-stämmiger Bauingenieur und Bundestagsabgeordneter, baupolitischer Sprecher der Grünen, dass die syrische Armee kurdische Milizen südöstlich von Aleppo angegriffen hat. Milizen, die sich wohl aus durchaus begründetem Misstrauen heraus geweigert haben, ihre Waffen abzugeben. Denen dafür aber keinerlei Sicherheitsgarantien gegeben wurden. Die Verhandlungen dazu erfolgten nur zwischen der Regierung in Damaskus unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa und den „kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF)“ 19 Es gab insofern auch keine völkerrechtlich relevante und vor allem anerkannte Vermittlungsinstanz zum gegenseitigen Vertrauensaufbau. „Die Streichung von al-Scharaas Bewegung Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS) von den Terrorlisten westlicher Staaten war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur internationalen Anerkennung seiner Regierung.“ 20 Die Duldung der Regierung indes deckt alle internen ethnischen und religiösen und zudem ökonomisch weiter sich manifestierenden Konflikte eher mit einer dünnen Decke zu. „Besonders schädigend ist dabei die Straflosigkeit, mit der die Gewalt weitergeht. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Zentralisierungsbemühungen von al-Scharaa. Und sie offenbart eine unangenehme Wahrheit: Die derzeitige Strategie des Westens scheint diese neue fragile Ordnung in Syrien hinzunehmen und als Garant für eine »militarisierte Stabilität« in der Region zu unterstützen. Damit riskiert der Westen, Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen: Er könnte einen weiteren gewalttätigen Machthaber stützen – in einer Region, die immer weiter ins Chaos abgleitet.“ 20
Die syrische Armee geht nun gegen die Kurden dabei zudem einmal mehr "unterstützt vom türkischen Staat" vor. Das ist erneut das Wesentliche. Die Türkei zündelt gegen Kurden innerhalb und außerhalb ihres Staatsgebietes immer wieder. Und: ihr Premier Erdogan nutzt europäische Schwächen schamlos aus. So erodiert die NATO immer mehr. Besser: von mehreren Seiten wird sie beseitigt. Und "Remigrationsfetischisten" aller Länder halten „Lame Ducks“, Verantwortung nur partiell wahrnehmende, viele andere Konflikte stetig ignorierende europäische Politiker in Schach.
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Ich habe 1985 im Stadion von Diyarbakir 21, der „heimlichen Hauptstadt Kurdistans in
Ostanatolien“ das "Kapuz Festivali" erlebt. Große Show, Küren der mit 52 kg größten Wassermelone der Saison, die da per Schubkarre ins Stadion gerollt wurde. Viele Schlagerstars aus der Region. Bei
bestimmten Liedzeilen flammte Jubel auf. Ich fragte unseren Begleiter, einen jungen Kurden, den wir zufällig getroffen hatten, der uns dorthin gebracht hatte. Ali sprach das beste Englisch, das ich
damals in der Türkei gehört habe. Dennoch fand er keinen Job in seiner Branche. Er sagte, dass die Sänger*innen kurdische Zeilen eingestreut hatten. Das war für die "Bergtürken", wie die Kurden
genannt wurden verboten. Der Griff der Sicherheitskräfte auf der Laufbahn ging immer entschieden zum Schnellfeuergewehr in diesen Momenten. Die angespannte Miene der Soldaten dann verfinsterte sich.
Seitdem ahne ich, was es bedeutet, wenn eine Kultur ausgelöscht werden soll. Wenn Identität von den Wurzeln her zerstört werden soll. Das Völkerrecht hat für weltweit eine der größten Volksgruppen
ohne eigenen Staat zwischen Zentral- und Ostanatolien, Iran, Irak und Syrien noch nie wirklich Wert gehabt. Das wird auch in Deutschland stetig ignoriert.
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Welche Alternativen haben die Menschen im Iran, die nun, Anfang Januar 2026 einmal mehr gegen verbrecherische Autokraten auf den Straßen ihrer Städte protestieren und ahnen, dass sie dafür wahrscheinlich einfach abgeschlachtet werden können?
Nicht zu Nouruz, dem persischen Neujahr, dem westlichen kalendarischen Frühlingsanfang am 21. März jeden Jahres, wie ich bisher in Erinnerung hatte, sondern Ende Juli 2009 war ich mit Kollegen und Freunden meiner NGO aus Kabul in Pandschir in Afghanistan. Wir waren dort auch verabredet mit iranischen Freunden, Kollegen und Partnern, die dort maßgeblich an Planung und Bau des Ahmad-Schah-Massoud 22-Kulturzentrums beteiligt waren. Im Iran war gerade der Widerstand der „Grünen Revolution“ in Folge der Präsidentschaftswahlen 23 im vollen Gange. Wir alle hofften auf maßgebliche Veränderungen.
„زن، زندگی، آزادی Zan, Zendegi, Āzādi: Frau Leben, Freiheit“ 24, die persische Bewegung, die nach dem Tod der jungen Kurdischen Iranerin / iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im September 2022 aufflammte und lange in den Straßen iranischer Städte auch außerhalb Teherans loderte: der Slogan selbst geht auch und vor allem auf „Jin Jiyan Azadî“ 24 als eines der zentralen Mottos der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK 24 zurück. Auch Abdullah Öcalan 25, der seit 1999 auf einer Gefängnisinsel im Marmarameer inhaftierte kurdische Türke / türkische Kurde und wichtigste Führerfigur der in den USA, der EU und der Türkei „als Terrororganisation eingestuften PKK“ 25 geht in seinen natürlich bisweilen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte widersprüchlichen Aussagen immer wieder auf ursprünglich feministische Inhalte zur grundlegenden Befreiung von Fremdbestimmung von Menschen aller ethnischer und sozialer Herkunft und natürlich auch aller Geschlechter aus.
Die breiten Proteste im Iran 2022/ 2023 26 werden nun von massiven Aufständen gefolgt, in denen auch die Bazaaris, die eigentlich sonst immer System-konformen kleinen und mittelständischen Händler (KMUs) eine Schlüsselrolle bis in die tiefsten Provinzen des Landes hinein übernehmen. Die gewaltigen Inflationsschübe, auch in Folge der westlichen Sanktionen, haben auskömmliche betriebswirtschaftliche Kalkulationen im klein- und mittelständischen Handel quasi unmöglich gemacht. Die Wucht dieser breiten Aufstände wurde vom Regime in Teheran und seinen Kräften brutal niedergeschlagen. Nach Abschaltung des Internets am 08. Januar 2026 drangen nur diskrete Berichte aus dem Land. Ein „Augenzeugenbericht aus Teheran: „Dann begannen sie, auf die Menschen zu schießen“ 27 stellt die Willkür der autokratischen Abschreckung markant ins Licht. „Drei Tage Blutrausch“ 28 heißt es dann in einer anderen Überschrift und das tausendfache Morden des Regimes und seiner Schergen wird zusätzlich überschrieben mit dem Satz: „Vielleicht gehen sie als Zäsur in die Geschichte des Landes ein, vergleichbar mit dem Tiananmen-Massaker in China.“ 28 Die Frage jedoch nach einer Systemalternative scheint sich auch da nicht, oder nur völlig marginalisiert zu stellen. Sie sollte aber in den Kern gerückt werden. Auch Jafar Panahi, einer der prominentesten und mutigsten iranischen Dissidenten, gerade mit „Ein einfacher Unfall“ 29 Gewinner der goldenen Palme in Cannes 2025 betont: „Schweigen ist eine Beteiligung an der Dunkelheit“. 30
Dunkelheit oder Verneblung umgibt uns auch, weil es keine wirklichen glaubwürdigen Systemalternativen zum subtilen, fragmentiert (Rest-) „liberal-demokratischen“ oder eben zum offenen Autokratismus gibt. Und keine Vermittlungsebenen auf dem gewundenen Weg, dem unweigerlich harten und komplexen Prozess dahin.
Auch Grönland mit seiner zumeist indigenen Bevölkerung der Inuit, das ja jetzt im geopolitischen Fadenkreuz gerade der Trump-Administration liegt, wird nicht wirklich auch den inneren Konflikt zwischen Dänemark und den US als Patron- oder Schutzmacht vs. Selbstbestimmung und Resilienz- und Vertrauensaufbau in friedliche Ent- und Einwicklungschancen ohne neue Narrative lösen können. Narrative, die zukunftstaugliche und vereinend ermutigende statt ausgrenzende Erzählweisen zusammenbringen. Narrative also der Hoffnung und des würdevollen Zusammenlebens bei Annäherungsbewegung von Anspruch und Wirklichkeit von individuellem und gesellschaftlichem Sein und Werden.
c) Von der Neoklassik mit schöpferischer Zerstörung
zur Commons-basierten Geoklassik
Auch der vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) herausgegebene GREIX Mietpreisindex zum Quartal IV 2025 31 verdeutlicht die gewaltige Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit an unmittelbare Lebensrealitäten in der gebauten Umwelt, die Hannah Arendt folgend ja auch per se eine „Mitwelt“ ist. Zwischen „Mietwucher“, Überbelegung von Wohnraum gerade in Ballungsräumen mit „angespannten Wohnungsmärkten“, Leerstand und Einsamkeit vorwiegend älterer, häufig geschiedener oder verwitweter Menschen in geräumigen Einfamilienhäusern und weiter fortschreitendem Mangel an „bezahlbarem Wohnraum“ in angespannten urbanen bis hin zu tiefsten regionalen Lagen bei stagnierenden Realeinkommen, zumal verstärkt durch Angebotssteigerungen bei „befristeten Verträgen oder möblierten Angeboten“ 31 werden die eine Bleibe zur Miete suchenden Bürger zer- und aufgerieben. Glücklich, wer seine Bleibe ohne (Existenz-) Verlust und die Miete halten kann, trotz aller Mängel auch der Wohnsubstanz. Mängel, die auch häufig „klamme“ Vermieter so kaum wirklich angehen können oder wollen, die aber weiter punktuell zur „dunklen Seite des Sanierungsstaus“ kumulieren. Angebot und Nachfrage finden da nicht zueinander. „Freie Märkte“ halten die Menschen vielmehr in stetiger Schockstarre. Neoklassische Ökonomik offenbart ihre Potenziale an laissez-faire gesteuerter, eher unkreativer Zerstörung.
Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ 32 offenbart sich auch einmal mehr im Fanal der „Alternativlosigkeit“ der für zigtausende Menschen tödlichen Niederschlagung der landesweiten Aufstände im Iran. „Jahrzehntealter Klientelismus“ 33 unter den eigentlich 1979 mit „dem sozialistischen Zeitgeist“ 33 gestarteten schiitischen Mullahs, die bald aber Shia-geleitete gegen Sunna-geleitete Machtpolitik ins (Schlacht-) Feld gegen den nicht minder despotisch beherrschten Irak führten und danach die „Killing Fields“ im Nahen und Mittleren Osten mit ihren Milizen Hamas und Hizbullah und andere regional bis zum Erzfeind Israel ausdehnten. „Ein großes Gemisch an Missständen“ 33, das sich in klassischen Zentrum-Peripherie-Konflikten schon im Rahmen der „autoritären Modernisierung“ 33 unter Schah Mohammad Reza Pahlavi vor 1979 gezeigt hatte, wo „in Verbindung mit einer zuvor durchgeführten Landreform so eine breite Schicht sozial prekärer, bildungsferner und religiös-konservativer Bevölkerungsgruppen entstand, die von der Modernisierung ausgeschlossen blieb und in die Elendsviertel iranischer Großstädte abwanderte.“ 33 Dass der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnittene Sohn jetzt als einzige „Führerfigur“ aus dem sicheren Exil die mutigen Bürger Irans zum für viele garantiert willkürlichen, zumeist in anonymen Massengräbern endenden Märtyrertod auffordert, spricht schon Bände. Ob er wirklich die von vielen herbeigesehnte „demokratische Wende“ in autokratischen Zeiten herbeiführen könnte: auch das muss hier bezweifelt werden. „Ungleichheit, Sanktionen, Kollaps“ 33 begleiten auch den Niedergang der Mullahs und ihrer letztlich bildungsfernen Eliten nun, die sie im Laufe der Jahrzehnte zwischen Revolutionsgarden und Sittenpolizei herangezüchtet haben, um ihren Apparat zu halten. Ungleiche Entwicklungschancen für ethnische Minderheiten in von den Zentren abgelegenen Regionen, die letztlich durch die globale Erderwärmung gepaart mit örtlicher Übernutzung von Wasser-Infrastrukturen =/〜/≡/≒/⇔/∽ Missbrauch letztlich endlicher Ressourcen getriggerte Wasserkrise insbesondere in der Megapolis Teheran im Schatten des Elburs-Gebirges: „Loyalität mit dem Regime ist zu teuer geworden“ 33 . Welche anderen Wirtschafts- und (Selbst-) Organisationsformen jedoch tun sich auf? Welche bildungsaffinen Eliten zeigen wo und wie auf, wo es hingehen könnte für ein Volk, das nichts sehnlicher als Freiheit und Selbstbestimmung wünscht? Für ethnische, abgeschlagene Minderheiten in diesem Land, die auch bessere Zukunftschancen für ihre Kinder wünschen? Und die entsprechend auch an diesen Prozessen des Um- und Weiterbaus ihrer Mitwelten teilhaben möchten? Und – wann wird das iranische Volk den nächsten massiven Aufstand gegen die Mullahs starten und: werden dann auch demokratische Muster im Westen wieder besser vertieft sein in unseren Gesellschaften? Auch damit der zigtausendfache Märtyrertod im Reich der Mullah-Barbarei nicht vergeblich war? Der zigtausendfache Märtyrertod insbesondere in der vernebelten Dunkelheit der ersten Tage nach Abschaltung des Internets im Lande am 8. Januar 2026, den nicht nur Exil-Iraner in der Diaspora einen „Völkermord“ von Seiten der Mullahs und ihrer Schergen am eigenen Volk nennen und der hoffentlich bald einmal endlich ein Gedenken in Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung gewähren lässt? 34
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Durch den von den bereits gewählten Länderparlamenten mit Sachverständigen beschickten Parlamentarischen Rat trat am 23. Mai 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. „Artikel 146 spricht aber zumindest davon, dass das Grundgesetz seine Gültigkeit an dem Tag verliert, an dem das deutsche Volk sich eine Verfassung gibt. Etwas, das es in seiner Geschichte noch nie getan hat,“ 35 wie Philipp Lepenies nüchtern konstatiert.
Eine „schützenswerte Demokratie“ 36, in der es keine ennemis, Feinde mehr gibt, sondern nur adversaires, Gegner, fordert auch entsprechende Identifikationsmuster. Im Wahlakt indessen offenbart sich zumal bei fehlenden Identitätsmustern „die grundsätzliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Demokratie“ 36. Die „Idee einer vermeintlich vom Volk selbst gegebenen Verfassung“ 36 indes schwebt zwischen „Illusion, Fiktion und Reduktion“ 36, je nach Grad der Identifikation der Bürger und ihrer eigenen Nachbarschaften mit eben jener Verfassung.
Der US-österreichische „Rechtspositivist“ und „Architekt der 1920 geschaffenen österreichischen Bundesverfassung“ Hans Kelsen 37 wird zitiert im Hinblick auf die „Fiktion der Repräsentation“ 38, dass diese „erlaube, das Parlament mit der (aus der französischen Revolution stammenden) Sieyés’schen Idee der Volkssouveränität zu rechtfertigen. Sie verhindere das, was die Verfassungsväter Amerikas die „Exzesse der Demokratie“ nannten oder so mancher Abgeordneter der Paulskirche (1848 / 49) die „Krawallsouveränität“. 38 Kelsen nennt die „Lehre von der Volkssouveränität“ 38 weiter gar eine „totemistische Maske, wenn auch sehr verfeinert und vergeistigt“ 38.
Philipp Lepenies konstatiert zur grundgesetzlichen Souveränität weiter: „Auch wenn es für das Fehlen eines Verfassungsplebiszites im Fall des Grundgesetzes eine nachvollziehbare historisch-strategische Begründung gibt, ist es vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung (von praktisch-juristischen Erwägungen eines damals recht einfach machbaren Beitritts der DDR zur Bundesrepublik abgesehen) eigentlich unverständlich, warum man den Schritt, den Artikel 146 mit einer Ablösung des GG durch eine Verfassung ermöglicht, nicht gegangen ist.“ 39 Sein anschließender Verweis auf einen „vehement abgeschmetterten Vorschlag“ 39 des „ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten“ 39 Bodo Ramelow indes verdeutlicht, wie tief Zentrum-Peripherie-Konflikte zwischen West- und Ostdeutschland verwurzelt sind und wie wenig das, was „Rechtspositivist“ 37 Hans Kelsen „den Respekt gegenüber Minderheiten als „höchsten Wert“ einer repräsentativen Demokratie“ 37 bezeichnet, zwischen Aachen und Frankfurt / Oder, Flensburg und Garmisch in seinen „totemistischen Abgründen“ reflektiert wird. Und wie groß da die Angst vor Kontrollverlust ist, die letztlich unvermeidliche Diskurse verunstaltet und unmöglich macht.
Der Übergang, mithin die Transformation „Von der Neoklassik mit schöpferischer Zerstörung zur Commons-basierten Geoklassik“ indes geht noch weiter als Bodo Ramelows völlig berechtigter Vorschlag. 40 Er erfordert die Präzisierung einiger Artikel des zweifelsohne besten und erfolgreichsten Verfassungsentwurfes, den das deutsche Volk bisher in seiner jungen Demokratiegeschichte hatte. Diese Präzisierungen indes sollen die Exegese des Rechts und seiner Codifizierungen hin zu partizipativen Verfahrensweisen auch im föderalen Ausgleich zwischen Bund, Ländern und Kommunen, bis hin zu den unmittelbaren Nachbarschaften der Bürger ermöglichen. Vielleicht kann man auch sagen: sie sollen die Exegese des Rechts dahin erleichtern und somit auch Lenkungsmöglichkeiten für Verfahrensweisen „direkter Demokratie“ in repräsentativen Rahmenhandlungen eröffnen. Mithin: verkrustete Narrative decodieren und die Totemmasken mit damit verbundenen Identifikations- und Partizipationsmustern anreichern.
US-Pragmatiker Richard Rorty beschreibt, auf John Dewey und Walt Whitman zurückgehend politische Akteure innerhalb der Demokratie als „metaphysische Einstellung“ 41 als „Beobachtende (spectators) und Handelnde (agents)“ 41. „Rahmen (framing)“ und „Inhalt (content)“ indes sind im Zeitalter mannigfaltiger Einschüchterung und egalitärer Deformation KI- und sonst wie generierter (Halb-/Viertel-/Achtel-/ umgekehrter und vieler anderer vermeintlicher) Wahrheiten nur mit Mühe immer wieder neu zu bestimmen und / oder zu entlarven. In disruptiv beschleunigten „Wahrheit-oder-Lüge-Spielen“ kann jeder schnell der oder die nächste in der Löwengrube sein. Entsprechend groß ist die Angst. 42
Richard Rortys (1931-2007) 43 Beobachtung um die Jahrtausendwende herum, „dass sich vor allem die politische Linke durch die Fokussierung auf identitäts- und kulturpolitische Themen von einem traditionellen agent zu einem spectator entwickelt hatte“ 44 – an diesem Punkt scheinen wir weiterhin zu verharren. Das Verlieren der ursprünglichen Wählerschaften insbesondere der europäischen Sozialdemokraten indes geht mit dieser Beobachtung maßgeblich einher. „Globalisierungsverlierer“ 44 und andere Verlierer von „Strukturwandel“ und Bedeutungsverlust manueller Arbeit – Generationen malochender Kumpel im Ruhrgebiet und im letztlich niemals wirklich zum „Beitritt zum Bereich des Grundgesetzes“ befragte Bürger des ehemaligen „Arbeiter- und Bauern-Staates“ – Menschen, die sich um ihre Lebensleistung betrogen sehen, wählen heute zunehmend die hässliche Fratze der Totemmaske. „Achieving our country“ 44 indes erfordert vielfältige Lösungsansätze für die Probleme der gar nicht so einfachen Menschen. Der Bürger eines jeden Landes. Die Glaubwürdigkeit der damit verbundenen Beziehungsarbeit zwischen Repräsentanten und Bürgern indes ist massiv beeinträchtigt. Erzählungen und Narrative müssen dazu mit einer Vision verknüpft sein, für die sich das morgendliche Aufstehen und ans Tagewerk, zur wie auch immer entlohnten Arbeit gehen auch lohnt. „In den Worten Rortys muss man einem Traumland gegenüber treu sein und nicht dem, in dem man jeden Morgen aufwacht.“ 44 Das „Dream Country“ 44, für das sich alle Mühen des Alltags lohnen.
Hans Kelsen bewertet die Reichseinigung unter Bismarck als Ursache dafür, dass das deutsche „das unpolitischste Volk“ 45 sei. „In Deutschland ist die Erfahrung mit Unfreiheit und Repression im Vergleich zu den ersten Demokratien (USA, Frankreich, UK) noch nicht lange her. Ehemalige DDR-Bürgerinnen und Bürger haben sie selbst noch erlebt. Ein Teil der demokratischen Wissensvermittlung muss daher immer wieder erläutern, wie aus einem „unpolitischen“ (Preuß), wenn nicht gar dem „unpolitischsten“ (Kelsen) Volk ein demokratisches wurde.“ 45
Hugo Preuß‘ „Genossenschaftslehre“ 46, die den Terminus und „die Theorie des social capital“ 46 vorwegnahm, Alexis de Tocquevilles zwei Bände zur „Demokratie in Amerika“ 46, die vor allem seinem Stand, dem französischen Adel die Funktionalität der Demokratie dort nahebringen sollten: wir in Europa sind gefordert, der Totemmaske der Volkssouveränität 38 wieder ein entschlossen wehrhaftes, aber auch ein freundlich nach innen Vertrauen bildendes Gesicht zu geben. In Anbetracht des harten Holzes der Maske eine anstrengende, Kraft und Material raubende Arbeit. Der Verschleiß auch an immer wieder neu zu schärfendem Werkzeug indes lohnt die Mühen alle Male. Auch für unsere amerikanischen Brüder und Schwestern.
Robert Putnams Untersuchung zu den grundlegenden strukturellen kulturellen Unterschieden zwischen Nord- und Süditalien von 1993 unter dem Titel „Making Democracy Work“ 47 gipfelt auch in dem hypothetischen Satz: „Palermo kann vielleicht die Zukunft Moskaus zeigen“ 47 . Der schwierige Weg der Befreiung von organisierter Kriminalität unter der Knute von Blutsverwandten der Cosa Nostra gerade in der sizilianischen Hauptstadt Palermo wurde hier ja auch im Kontext mit der Machteinschreibung verschiedener Besatzer ins Stadtgefüge Palermos über die Jahrhunderte bereits thematisiert. Die Ermordung der Anti-Mafia-Richter, man kann durchaus sagen: der italienischen Märtyrer Giovanni Falcone 48 und Paolo Borsellino 49 kurz hintereinander im Mai und Juli 1992 ist ein schweres und fragiles Erbe, das aber auch und vor allem vom Magistrat der Stadt Palermo weiterhin gepflegt wird. Es bleibt zu hoffen, dass es irgendwann einmal bald ähnlich mutige Männer oder Frauen, unerschrockene Personen wie diese beiden und auch Palermos langjährigen Oberbürgermeister Leoluca Orlando 50 in und neben dem Kreml geben wird. Für mich persönlich steht das jedoch außer Zweifel.
Robert Putnams (*1941) 51 thematische Rückkehr in die US 1997 – 2000 kommt zu einem ähnlichen Befund wie schon Richard Sennett in „Democracy and Urban Form“ 1981: Isolation und Einsamkeit sind die größten Probleme bei der Aktivierung von „sozialem Kapital“. Menschen und ihre Selbstbestimmung, mithin: ihre Fähigkeiten zur Selbstorganisation in relativ egalitär ausgerichteten Nachbarschaften und Gemeinschaften gehen verloren. Das Bild des einsamen Bowlers auf der vorher mit das Leben ausgelassen feiernden Gemeinschaft in „Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community“ 51 ist dabei ähnlich den Kegelclubs im Deutschland der 1960er bis 1970er Jahre: die Globalisierung hat insbesondere in der „Ölkrise“ 1973 erste Opfer gefordert, weiterer „Strukturwandel“, Zechensterben, Fabrikschließungen und mehr fordern ihren Tribut. Individueller Ausdruck in der Anonymität der Großstadt indes kann eher (über-) regional, auch ländlich verwurzelte Gemeinschaft zumal in fortschreitendem Alter nicht ersetzen. Isolation und Einsamkeit bleiben die größte Geißel für „soziales Kaptal“ einer Gesellschaft. Verbitterung und Resignation werden dann zum Türöffner für Autokratismus und Despotismus, der die Demokratie durch die Hintertür in die Back Alley hinein beseitigt. Abnehmende Affektkontrolle im Schutz der vermeintlich anonymen Darkrooms des Internets, aka Soziale Medien und andere digitale Räume, die Haltlosigkeit des Individuums beim Zerbrechen traditioneller Familienstrukturen und die zusätzlich wachsende Affizierung mit medialen Reizen im dauerhaften Beschuss von Meinungen und Wertungen zwischen Wahrheit und Lüge, Realität und manipulativ bis intrigant gelenkter Interpretation von Realitäten begleiten dies dann auch und tragen zum Vertrauensverlust in Demokratie und ihre Institutionen und die Fiktion der Volkssouveränität bei. Weil es im zivilisatorischen Rückschritt immer weniger Korrektive gibt, wie Norbert Elias sie definiert. Und weil gemeinschafts- und vertrauensbildende Momente zudem aktiv verstärkt im Rahmen dieses manipulativ agierenden Dauerbeschusses abgebaut und zerstört werden. 52
Sehr verkürzt jetzt hier dargestellt, zweifelsohne. Es soll aber ja um Tendenzen und Kongruenzen dabei gehen. Dass diese nicht unbedingt immer deckungsgleich sind, versteht sich von selbst. Und: dass das Versiegen ökonomischer Quellen und damit verknüpfter Chancen gleichfalls kein linearer Vorgang und eher jeweils multikausal ist und ganz verschiedene (individuelle wie gemeinschaftlich / kollektive) Verläufe zeigen kann: auch das ist im vernebelten Großen und Ganzen klar umriss- und schemenhaft ablesbar. Dieser Analysen der Miseren aber sollten nun auch vermehrt Taten folgen und auf den Weg / die Wege gebracht werden.
Die Verknüpfung transzendenter, metaphysischer Inhalte, mithin der Religion selbst zur Herausbildung der Tugendhaftigkeit der Bürger*innen hat Philipp Lepenies Hinweis gemäß schon „der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde“ (1930-2019) 53 betont. Säkularisierung des Staatswesens per se, mithin Trennung von Religion und Kirche indes auch im Zuge einer Neu-Ausrichtung „migrantisch superdiversen Seins und Werdens“ von Bürgern als Deutsche in Europa erfordern indes andere Formen von physischer und metaphysischer „framing“ (Rahmung) und „content“ (Inhalts-) - Bildung. Mithin von „Volkssouveränität im 21. Jahrhundert“, das monotheistische, also Abrahamitische wie agnostische und polytheistische Genesen seiner Bürger*innen gleichsam ansprechen und integrieren können muss.
„Die Hoffnung, staatsbürgerliche Tugend durch die Unterstützung und Förderung genossenschaftlicher Assoziierungen in jeder Form sowie durch die Schaffung von Selbstverwaltungsmöglichkeiten auf allen Ebenen, durch konstante Wissensvermittlung und bewusst vorgelebte politische Tugendhaftigkeit der Entscheider gezielt zu fördern, mag ambitioniert erscheinen. Kann die Frage wirklich sein, ob es besser sei, den Versuch zu unterlassen?“ 53
Mit diesen Worten und der abschließenden rhetorischen Frage beendet Philipp Lepenies das vorletzte Kapitel von „Souveräne Entscheidungen – Vom Werden und Vergehen der Demokratie“. Das letzte kurze Kapitel ist dann mit dem emblematischen Titel überschrieben: „Der Souverän hat das letzte Wort“. 53
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In seinen einleitenden Worten zur von ihm neu herausgegebenen Auflage von „Fortschritt und Armut“ betont Dirk Löhr gleichsam in einem in Klammern gesetzten Nebensatz, dass der Begründer der liberalen geoklassischen ökonomischen Lehre Henry George in seinem 1880 in San Francisco / CA herausgegebenen Werk die „Bodenrente“ als ein „geborenes Gemeingut“ definiere und damit heute auch Bezüge zwischen „neuzeitlichen Geoklassikern“ und „Commons-Bewegung“ hergestellt würden. 54 Just diese Terminologie indes zeigt die Spitzfindigkeiten fortschreitender wissenschaftlicher Begriffsfindungen: Der Begriff des „Gemeinguts“ ist vielerorts in der Commons-Bewegung bereits durch O & M – Operation and Maintenance, also Wartung und Funktionserhalt von zumeist natürlich vorkommenden „Ressourcen“ ersetzt. Das Erbe Elinor Ostroms und Jahrzehnte währende Forschungsarbeit der Commons-Bewegung in vielfältigen Fallstudien zu nachbarschaftlich geregelten „natürlichen“ Ressourcen soll jetzt auch maßgeblich um anthropogen darum erstellte Infrastrukturen hier sinnfällig erweitert werden. Im Rahmen von „urbaner und sozialer“, aber auch weiter dazu vermittelnder „regionaler Praxis“ sollen also auch die Terminologien weitergeführt werden. Graue, blaue, grüne und rote Infrastrukturen sollen dafür weiter in ihren Verknüpfungen zu urbanen und regionalen Lebensräumen und den darin wohnenden Menschen und Dingen untersucht und in ihren Potenzialen für Um- und Weiterbau bewertet werden können. Commons-Public-(Private)-Partnerships sind in diesen komplexen Konnexen und in ihren jeweiligen Besitz- und Aneignungstiteln auf ihre Wirksamkeiten hin zu überprüfen. Öffentliches Gemeinwohl ist dabei auch versus und mit dem privaten Eigennutz auszuhandeln. Die dafür zu schaffenden Rechtsgrundlagen indes sind weiter auch im Verfassungsentwurf des Grundgesetzes zu erörtern und in seiner Fortschreibung, die dann eben auch bald zur zu terminierenden Vorlage zur Volksabstimmung gereicht werden soll zu kommentieren.
Wie strittig alleine die Diskurse um „kritische Infrastrukturen“ und Zuverlässigkeit derselben bis hin zu Resilienzbildung, also auch Wehrhaftigkeit und rasche Mobilisierung im Falle äußerer Bedrohung sind, das verdeutlicht schon das Menetekel der deutschen Bundesbahnen, die ja seit 1994 insbesondere um das Millennium herum zunehmende Betriebszweige im Rahmen der „Deutsche Bahn AG“ umformatieren. 2025 / 26 ist das Unternehmen immer wieder mit negativen Schlagzeilen in den Medien. Trotz Deutschlandticket für den ÖPNV greifen viele Berufspendler*innen wieder auf den privaten PKW zurück. 55 Detlef Neuß vom Fahrgastverband ProBahn spricht von „maroder Infrastruktur“. Weiterhin sagt er dazu: „Wir fahren auf Verschleiß, bis plötzlich etwas kaputtgeht." 56
Mein Vater hat mit anderen DB-Gruppenführern der Region von den 1970ern bis zu seiner Pensionierung in den frühen 2000er Jahren die Wartungsarbeiten der Hochspannungs-Oberleitungen der Bahnen zwischen Koblenz und Dortmund koordiniert und ausgeführt. Kurz vor seiner Pensionierung sagte er, der damalige DB-AG-Vorstandsvorsitzende „macht die Bahn kaputt“. Auch seine Wartungsarbeiten und die dafür erforderlichen Kräfte wurden immer mehr zusammengestrichen. Die Ergebnisse der herrschenden Ideologie der bedingungslosen Vormacht des neudeutsch „Shareholder Value“, also des „Aktionärswertes“ 57 sehen wir heute.
Umformatierungen und entsprechende „nachhaltige Planungen“ zur Bearbeitung des allgegenwärtigen Sanierungsstaus von grauen, blauen, grünen und roten Infrastrukturen erfordern eine Abkehr von dieser Ideologie. Dies soll hier zumal im Hinblick auf Umsetzungsfertigkeiten weiterverfolgt werden.
Dafür entsprechende Adaptionen des „Henry-George-Theorems“ 58 sollten „Single Tax“ Grunderwerbssteuer als Kernstück von Georges Entwurf und Commons-Theoreme im Zuge von Reallaborstudien (weiter-) ent- und, mit Bruno Latour gesagt – einwickeln und somit im wissenschaftlich transdisziplinären Experten-Diskurs weiter ausführbar machen.
Ob dies gelingen wird? Ich persönlich bin Architekt, der dereinst noch vor Verkürzung des Studiums durch Bachelor und Master seinen Diplom-Ingenieur mit Vertiefung Städtebau und Stadtbaugeschichte gemacht und immer wieder tief in diese Thematiken eintauchend urbane und regionale Lebensräume betrachtet hat. Zwar habe ich einige Jahre im Baurecht / Brandschutz gearbeitet, bin aber kein zertifizierter Sachverständiger darin. Dafür hätte ich meinem vorwiegenden Arbeitgeber damals „meine Seele verkaufen“ müssen. Das wollte und konnte ich nicht, weil da fundamentale Differenzen in unseren Denk- und Handlungsweisen bestanden. Baurecht als Teil des öffentlichen Rechts und in Verhandlung mit privatem Recht und zudem Anspruch und Wirklichkeit des Grundgesetzes in diesen Diskursen: da vermag ich nur Input zu geben, muss aber auf weitergehende Diskurse mit Jurist*innen aus diesen Bereichen vertrauen. Auch bin ich kein Ökonom. Mit grundlegenden Themen mikro- und makroökonomischer Ertragsberechnungen bin ich durchaus vertraut. Steuerrechtliche Themen aber zum Beispiel: da muss ich auf andere Berater vertrauen. Auch bin ich weder Sozial- noch Politikwissenschaftler. Dennoch denke ich, zumal auf Philipp Lepenies Aussagen am Ende von „Souveräne Entscheidungen“ zurückgehend, dass wir diese wissenschaftlichen Akteurs-Netzwerke benötigen, um diese essentiellen Themen auch in alltäglichen, die Bürger unmittelbar einbeziehenden Praktiken anzugehen. Die viele Arbeit beim Informationsaustausch und beim simultanen Strategieaustausch bezüglich der Leitplanken für Handlung und Verhandlung sollte bei gemeinsamen Lernkurven im Team auch viel Spaß beim gemeinsamen Erarbeiten von Prozesszielen hervorrufen. Vertrauensaufbau und Misstrauensabbau gehen dabei einher, um Framing- und Content-Optimierung im Rahmen der physisch und metaphysisch wirksamen Bauwende(n) zu erreichen.
Derzeit sieht es einmal mehr so aus, als würde der subtile, Angst beherrscht polternde Autokratismus auch in Deutschland seine Einschüchterung weitertreiben. Wenn Friedrich Merz „Kranke zur Arbeit schicken“ 59 will, dann scheint er grundlegende Themen von Produktionskräften und Motivationsfaktoren bei der Suche nach Wegen aus der Rezession nicht verstanden zu haben. Auch die ursprünglich „Liberalen“ scheinen in ihrem Nachwuchs immer weiter nach rechts zu rücken und sich letztlich AfD-bündnisfähig zu machen 60. Welche Justagen im Steuerrecht insbesondere bei der Erbschaftssteuer wie und wann greifen: ich vertraue da den abwägenden Einschätzungen des Wirtschaftsweisen Achim Truger 61 mehr als polternden Unterstützern von „Familienunternehmern“ und ihren Epigonen, die scheinbar diesen Namen im Rahmen fehlgeleiteter Wertedebatten tragen, aber letztlich vorwiegend Klassenkampf von oben betreiben. Wie denn auch Patrick Kaczmarczyk betont, zumal wenn er den Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Rainer Dulger zitiert: „Allein die Diskussion über neue Steuererhöhungen sendet das Signal aus, dass die SPD nicht verstanden hat, was die strukturellen Hintergründe der Rezession sind.“ 62
Wir befinden uns bereits mitten im Klassenkampf und mächtige Lobbyvertreter beanspruchen die totale Deutungshoheit auch zur „Volkssouveränität“ 38. Was in dieser Blockadehaltung zweifelsohne bald zur AfD-Machtübernahme auch im Bund führen kann. Dem kann und sollte entschieden entgegengetreten werden.
These: Systeme und ihre tragfähigen Strukturen erstarren in solchermaßen verschleppten Reformprozessen, wie denen, denen wir derzeit beiwohnen, weil:
Framing als Rahmenbildung und Content als Inhaltsfindung darin vermögen also intrinsischen und extrinsischen Faktoren in diesen Prozessen nicht standzuhalten. Den daraus resultierenden Zerreißproben wohnen wir gerade bei. Einmal mehr. Aber immer wieder anders. Es gilt, Auswege aus diesen Dilemmata zu finden.
Mariana Mazzucato bringt das auch in einem Nebensatz richtig auf den Punkt: „Die Umsetzung ist also genauso wichtig wie die Konzeption.“ 64 Der Rückgriff auf das berühmte Bonmot Giuseppe Tommasi di Lampedusas zur Arbeitsweise „ehrenwerter Gesellschaften“ , aka Mafia-Verbindungen und ihren mächtigen Machenschaften am Ende von Post-/ Neoliberalismus dann verdeutlicht nochmals, wo wir stehen:
„Alles muss sich ändern, damit alles beim Alten bleibt.“ 64
Das Erbe zweier großartiger Pragmatiker des anglo-amerikanischen Kulturraums, aber davon ausgehend auch unserer Breiten hier, das Erbe also von Henry George und der ersten Frau, die 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, Elinor Ostrom 65 soll darin für höchst komplexe europäische Kulturräume adaptierbar gemacht werden. Die vielen anderen auch großen Geister von hier: über Max Weber und Hugo Preuß bis hin zu Hans Kelsen und andere sollen dazu natürlich auch immer wieder eingehend befragt werden. All dies sollte auch im Vorgriff auf eine Zeit nach dem (leider einmal mehr vom Souverän gewählten) Despotismus und eben leider auch damit einhergehenden Devotismus (nicht nur) in den US geschehen.
Danke!
Düsseldorf, Niederrhein, 16.-22. 01. 2026
Anmerkungen: